Heinrich Heine über Ludwig Börne. 231
statt der verliebten Sonnenlichter, die quirlenden Dünste der feuchtenHcrbstnacht sjx herabsintcrten . . . Manchmal erhob sich einedieser Schönen, ergriff ans dem Reisig einen lodernden Brand, schwangihn über ihr Haupt, gleich einem ThyrsnS, und versuchte eine jenerunmöglichen Tanzpvsitnren, die wir ans ctrnskischen Basen gesehen ...aber traurig lächelnd, wie bezwungen von Müdigkeit und Nachtkälte,sank sie wieder zurück anS knisternde Feuer. Besonders eine unterdiesen Frauen bewegte mein ganzes Herz mit einem fast wollüstigenMitleid. Es war eine hohe Gestalt, aber noch weit mehr, als dieandern, abgemagert an Armen, Beinen, Busen und Wangen, wasjedoch, statt abstoßend, vielmehr zauberhast anziehend wirkte. Ichweiß nicht, wie es kam, aber ehe ich mich dessen versah, saß ich nebenihr am Feuer, beschäftigt, ihre frostzitternden Hände und Füße anmeinen brennenden Lippe» zu wärmen; auch spielte ich mit ihrenschwarzen feuchten Haarflechten, die über das griechisch gradnäsigcGesicht und den rührend kalten, griechisch kargen Busen hcrabhingen ...Ja, ihr Haupthaar war von einer fast strahlenden Schwärze, sowieauch ihre Augenbrauen, die üppig schwarz zusammenflössen, wasihrem Blick einen sonderbaren Ausdruck von schmachtender Wildheiterteilte. Wie alt bist du, unglückliches Kind? sprach ich zu ihr.„Frag mich nicht nach meinem Alter," — antwortete sie mit einemhalb wehmütig, halb frevelhaften Lachen — „wenn ich mich auch umein Jahrtausend jünger machte, so bliebe ich doch noch ziemlich be-jahrt! Aber es wird jetzt immer kälter und mich schläfert, und wenndu mir dein Knie zum Kopfkissen borgen willst, so wirst du deinegehorsame Dienerin sehr verpflichten . . ."
Während sie nun ans meinen Knien lag und schlummerte, undmanchmal wie eine Sterbende im Schlafe röchelte, flüsterten ihre Ge-fährtinnen allerlei Gespräche, wovon ich nur sehr wenig verstand, dasie das Griechische ganz anders aussprachen, als ich es in der Schule,und später auch beim alten Wolf, gelernt hatte . . . Rur so viel be-griff ich, daß sie über die schlechte Zeit klagten und noch eine Ver-schlimmerung derselben befürchteten, und sich Vornahme», noch tieferwaldeinwttrts zu flüchten ... Da plötzlich, in der Ferne, erhob sichein Geschrei von rohen Pöbelstimmcn . . . Sic schrien, ich weiß nichtmehr, was*)... Dazwischen kicherte ein katholisches Mcttenglöckchen ...lind meine schönen Waldfrnucn wurden sichtbar noch blasser undmagerer, bis sie endlich ganz in Nebel zerflossen, und ich selbergähnend erwachte.
*) „ ein Geschrei von rohen Stimmen: Es lebe die Republik!" ( später Ver-beffert in: „Es lebe Lamcnnais!") stand ursprünglich im Originalmanuskript.
Der Herausgeber.
Druck von Hesse ck Becker in Leipzig.