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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
229
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Heinrich Heine über Ludwig Börne. 229

Heilmittel ausfindig machen; bis dahin muß nach eine lange schmerz-liche Zeit dahingesiecht werden, nnd allerlei Quacksalber werden auf-treten mit Hansmittclchen, welche das Übel nur verschlimmern. Dakvmmcn zunächst die Radikalen nnd verschreiben eine Radikalkur, dieam Ende doch nur äußerlich wirkt, höchstens den gesellschaftlichenGrind vertreibt, aber nicht die innere Fäulnis. Gelänge es ihnenauch, die leidende Menschheit ans eine kurze Zeit von ihren wildestenQualen zu befreien, so geschähe es doch nur auf Kosten der letztenSpuren von Schönheit, die dem Patienten bis jetzt geblieben sind;häßlich wie ein geheilter Philister wird er aufstehen von seinemKrankenlager, und in der häßlichen Spitaltracht, in dem aschgrauenGleichheitskostüm, wird er sich all sein Lebtag herumschleppen müssen.Alle überlieferte Heiterkeit, alle Süße, aller Blnnienduft, alle Poesiewird ans dem Leben herauSgepumpt werden, und es wird davonnichts übrig bleiben, als die Rumfvrdsche Suppe der Nützlichkeit.Für die Schönheit nnd das Genie wird sich kein Platz finden in demGemeinwesen unserer neuen Puritaner, nnd beide werden fletriertund unterdrückt werden, noch weit betrübsanier als unter dem älterenRegimente. Denn Schönheit und Genie sind ja auch eine Art König-tum, nnd sie passen nicht in eine Gesellschaft, Ivo jeder, im Mißgesühlder eigenen Mittelmäßigkeit, alle höhere BegabniS herabzuwürdigensucht bis aufs banale Niveau.

Die Könige gehen fort, und mit ihnen gehen die letzten Dichter.Der Dichter soll mit dem König gehen," diese Worte dürften jetzteiner ganz andern Deutung anheimfallen. Ohne Autoritätsglanbenkann auch kein großer Dichter emporkommen. Sobald sein Privat-leben von dem unbarmherzigsten Lichte der Presse beleuchtet wird,und die Tageskritik an seinen Worten würmclt und nagt, kann auchdas Lied des Dichters nicht mehr den nötigen Respekt finden. WennDante durch die Straßen von Verona ging, zeigte das Volk ans ihnmit Fingern und flüsterte:Der war in der Hölle!" Hätte er siesonst mit allen ihren Qualen so treu schildern können? Wie weitliefer, bei solchem ehrfurchtsvollen Glauben, wirkte die Erzählung derFranceska von Rimini, des Ugolino nnd aller jener Qualgestalten,die dem Geiste des großen Dichters entquollen . . .

Nein, sie sind nicht bloß seinem Geiste entquollen, er hat sienicht gedichtet, er hat sie geliebt, er hat sie gefühlt, er hat sie gesehen,betastet, er war wirklich in der Hölle, er war in der Stadt der Ver-dammten ... er war im Exil^)

'1 Im OrigimNmciimskript fand sich hier noch fachende, später von Heine ge-strichene Stelle:Ja, leider, das Regiment der Republikaner haben wir noch zuüberdnldcn, aber, wie ich schon gesagt habe, nur auf eine kurze Zeit. Jeneplebejischen Republiken, wie unsere heutigen Republikaner sie träumen, könnensich nicht lange halten. Gleichviel von welcher Verfassung ein Staat sei, er er-