Druckschrift 
11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
166
Einzelbild herunterladen
 

166 Novellistische Fragmente,

den ich auf dem Hofe dcS Louvre besuchte, und der, gelagert unterdreifarbigen Fahnen und Trophäen, sich ruhig füttern ließ: er wargar nicht der rechte Hund, sondern eine ganz gewöhnliche Bestie, diesich fremde Verdienste anmaßte, wie bei den Franzosen oft geschieht,und, ebenso wie viele andere, explvitierte er den Ruhm der Jnlins-rcvvlution , . . Er ward gehätschelt, gefördert, vielleicht zu den höchstenEhrcnstcllen erhoben, während der wahre Medor einige Tage nachdem Siege bescheiden davongeschlichen war, wie daS wahre Volk, dasdie Revolution gemacht , , ,

Armes Volk! Armer Hund! sio.

Es ist eine schon ältliche Geschichte, Nicht für sich, seit undenk-licher Zeit, nicht für sich hat das Volk geblutet und gelitten, sondernfür andere. Im Juli 1836 erfocht es den Sieg für jene Bourgeoisie,die ebensowenig taugt wie jene Noblesse, an deren Stelle sie trat mitdemselben Egoismus , , . Das Volk hat nichts gewonnen durch seinenSieg, als Reue und größere Not, Aber seid überzeugt, wenn wiederdie Sturmglocke geläutet wird und das Volk zur Flinte greift, dies-mal kämpft es für sich selber und verlangt den wohlverdienten Lohn,Diesmal wird der wahre, echte Medor geehrt und gefüttert werden ,.,Gott weiß, wo er jetzt herumläuft, verachtet, verhöhnt und hungernd ,,,

Doch still, mein Herz, du verrätst dich zu sehr . . .

Drittes Buch,

ES war im Herbst 1831, ein Jahr nach der JnliuS-

revolution, als ich zu Paris den Doktor Ludwig Börne wieder sah.Ich besuchte ihn im Gasthof Mtsl cks Lastills, und nicht wenigwunderte ich mich über die Veränderung, die sich in seinem ganzenWesen aussprach. Das bißchen Fleisch, das ich früher an seinemLeibe bemerkt hatte, war jetzt ganz verschwunden, vielleicht geschmolzenvon den Strahlen der Juliussonne, die ihm leider auch ins Hirn ge-drungen. AuS seinen Augen leuchteten bedenkliche Funken, Er saß,oder vielmehr er wohnte in einem großen buntseidenen Schlafrock,wie eine Schildkröte in ihrer Schale, und wenn er manchmal arg-wöhnisch sein dünnes Köpfchen hervorbengte, ward mir unheimlichzu Mute. Aber das Mitleid überwog, wenn er aus dem weitenÄrmel die arme abgemagerte Hand zum Gruße oder zum freund-schaftlichen Händedruck ausstreckte. In seiner Stimme zitterte einegewisse Kränklichkeit und auf seinen Wangen grinsten schon die schwind-süchtig roten Streiflichter, Das schneidende Mißtranen, das in allenseinen Zügen und Bewegungen lauerte, war vielleicht eine Folge derSchwerhörigkeit, woran er früher schon litt, die aber immer zunahmund nicht wenig dazu beitrug, mir seine Konversation zn verleiden.

Willkommen in Paris!" rief er nur entgegen. DaS ist