Novellistische Hragmente,
Der Rabbi von Bacharach.
(Ein Fragment.)
Kapitel i.
Unterhalb des Rheingaus. Ivo die Ufer deS Stromes ihre lachendeMiene verlieren, Berg und Felsen mit ihren abenteuerlichen Burg-ruinen sich trotziger gebärden, und eine mildere, ernstere Herrlichkeitemporsteigt, dort liegt, wie eine schaurige Sage der Vorzeit, die finstere,uralte Stadt Bacharach. Nicht immer waren so morsch und verfallendiese Mauern mit ihren zahnlosen Zinnen und blinden Warttiirmcheu,in deren Luken der Wind pfeift und die Spatzen nisten; in diesenarmselig häßlichen Lehingasscn, die man durch das zerrissene Thorerblickt, herrschte nicht immer jene öde Stille, die nur dann undwann unterbrochen wird von schreienden Kindern, keifenden Weibernund brüllenden Kühen. Diese Mauern waren einst stolz und stark,und in diesen Gassen bewegte sich frisches, freies Leben, Macht undPracht, Lust und Leid, viel Liebe und viel .Haß. Bacharach gehörteeinst zu jenen Mnnicipien, welche von den Römern während ihrerHerrschaft am Rhein gegründet worden, und die Einwohner, obgleichdie folgenden Zeiten sehr stürmisch und obgleich sie späterhin unterHohenstanfische und zuletzt unter Wittelsbncher Oberherrschaft gerieten,wußten dennoch, nach dem Beispiel anderer rheinischen Städte, einziemlich freies Gemeinwesen zu erhalten. Dieses bestand aus einerVerbindung einzelner Körperschaften, wovon die der patrizischen Alt-bürgcr und die der Zünfte, welche sich wieder nach ihren verschiedenenGcwerken nnternbteilten, beiderseitig nach der Allcinmacht rangen, sodaß sie sämtlich nach außen zu Schutz und Trutz gegen den nachbar-lichen Ranbadcl fest verbunden standen, nach innen aber wegen streiten-der Interessen in beständiger Spaltung verharrten; und daher unterihnen wenig Zusammenleben, viel Mißtrauen, oft sogar thätlichc Aus-brüche der Leidenschaft. Der herrschaftliche Vogt saß auf der hohenBurg Snrcck, und wie sein Falke schoß er herab, wenn man ihn rief,