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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
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224 Novellistische Fragmente.

Republikaner in der St. Mer»-Kirche und von ihrem Hcldentode ge-sprachen! Es war ein glücklicher Kampf, es war ihnen vergönnt,den schönen Trotz gegen die Tyrannei zu zeigen, und den schönenTod für die Freiheit zn sterben. Wäre der Kampf nicht schön ge-wesen, und dazu hätte es nur einer andern Örtlichkeit bedurft, woman die Republikaner hätte zerstreiten und fangen können hättesich Heine über sie lustig gemacht. Was Brutus gethan, würde Heineverherrlichen, so schön er nur vermag; würde aber ein Schneider denblutigen Dolch aus dem Herzen einer entehrten jungen Nähterinziehen, die gar Bärbelchen hieße, und damit die dumm trägen. Bürgerzu ihrer Selbstbefreiung stacheln er lachte darüber. Man ver-setze Heine in das Ballhans, zu jener denkwürdigen Stunde, woFrankreich aus seinem tausendjährigen Schlafe erwachte und schwur,es wolle nicht mehr träumen er wäre der tollheißeste Jakobiner,der wütendste Feind der Aristokraten und ließe alle Edellcute undFürsten mit Wonne an einem Tage niedermetzeln. Aber sähe eraus der Rocktasche des feuerspeienden Mirabeau auf deutsche Stndenten-art eine Tabakspfeife mit rot-schwarz-goldener Quaste hervorragendann pfui, Freiheit! Und er ginge hin und machte schöne Verse aufMarie Antoinettens schöne Augen. Wenn er in seinem Buche dieheilige Würde deS Absolutismus Preist, so geschah es, außer daß es eineRedeübung war, die sich an dem Tollsten versuchte, nicht darum, weil erpolitisch reinen Herzens ist, wie er sagt; sondern er that es, weil er atcm-reinen Mundes bleiben in ächte, und er wohl an jenem Tage, als er dasschrieb, einen deutschcnLiberalenSauerkraut mitBratwurst essen gesehen.

Wie kann man je dem glauben, der selbst nichts glaubt? Heineschämt sich so sehr, etwas zu glauben, daß er Gott den .Herrn' mitlauter Initialbuchstaben drucken läßt, um anzuzeigen, daß es einKunstauSdruck sei, den er nicht zu verantworten habe. Den ver-zärtelten Heine, bei seiner sybaritischcn Natur, kann das Fallen einesRoseublattes im Schlafe stören; wie sollte er behaglich ans der Frei-heit ruhen, die so knorrig ist? Er bleibe fern von ihr. Wen jedeUnebenheit ermüdet, wen jeder Widerspruch verwirrt macht, der gehenicht, denke nicht, lege sich in sein Bett und schließe die Augen. Wogicbt es denn eine Wahrheit, in der nicht etwas Lüge wäre? Woeine Schönheit, die nicht ihre Flecken hätte? Wo ein Erhabenes,dem nicht eine Lächerlichkeit zur Seite stünde? Die Natur dichtetselten, und reimet niemals; wein ihre Prosa und ihre Ungereimt-heiten nicht behagen, der wende sich zur Poesie. Die Natur regiertrepublikanisch, sie läßt jedem Dinge seinen Willen bis zur Reife derMissethat, und straft dann erst. Wer schwache Nerven hat und Ge-fahren scheut, der diene der Kunst, der absoluten, die jeden rauhenGedanken ausstreicht, ehe er zur That wird, und an jeder That feilt,bis sie zu schmächtig wird zur Missethat.