Druckschrift 
11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
223
Einzelbild herunterladen
 

Heinrich Heine über Lndwig Börne. 223

geistreichsten Fürsten, die je einen Thron geziert; den König derFranzosen, als hätte er das kalte Fieber, an dem einen Tage fürgut, an dein andern für schlecht, am dritten Tage wieder für gut,am vierten wieder für schlecht zn erklären; wer es kühn und groß-artig findet, daß die Herren von Rothschild während der Cholerarnhig in Paris geblieben, aber die unbezahlten Mühen der deutschenPatrioten lächerlich findet; und wer bei aller dieser Weichiniitigkcitsich selbst noch für einen gefestctcn Mann hält wer so große Ge-heimnisse besitzt, der mag noch größere haben, die das Rätselhafteseines Buches erklären; ich aber kenne sie nicht. Ich kann mich nichtbloß in das Denken und Fühlen jedes andern, sondern auch in seinBlut und seine Nerven versetzen, mich an die Quellen aller seinerGesinnungen und Gefühle stellen, und ihrem Laufe nachgehen mitunermüdlicher Geduld, Doch muß ich dabei mein eigenes Wesennicht aufzuopfern haben, sondern nur zn beseitigen auf eine Weile,Ich kann Nachsicht haben, mit Kinderspielen, Nachsicht mit den Leidenschaften eines Jünglings, Wenn aber an einein Tage des blutigstenKampfes ein Knabe, der auf dem Schlachtfelde nach Schmetterlingenjagt, mir zwischen die Beine kömmt: wenn an einem Tage derhöchsten Not, wo wir heiß zu Gott beten, ein junger Geck uns zurSeite in der Kirche nichts sieht als die schönen Mädchen, und mitihnen liebäugelt und flüstert so darf uns das, unbeschadet unsererPhilosophie und Menschlichkeit, wohl ärgerlich machen,

Heine ist ein Künstler, ein Dichter, und zur allgemeinsten Ancrkennung fehlt ihm nur noch seine eigene. Weil er oft noch etwasanders sein will, als ein Dichter, verliert er sich oft. Wem, wieihm, die Form das Höchste ist, dem muß sie auch das einzige bleiben;denn sobald er den Rand übersteigt, fließt er ins Schrankenlosehinab, und es trinkt ihn der Sand, Wer die Kunst als seine Gott-heit verehrt und je nach Laune auch manches Gebet an die Naturrichtet, der frevelt gegen Kunst und Natur zugleich, Heine betteltder Natur ihren Nektar und Blütenstaub ab, und bauet mit bilden-dem Wachse der Kunst ihre Zellen; aber er bildet die Zelle nicht,daß sie den Honig bewahre, sondern sammelte den Honig, damit dieZelle auszufüllen. Darum rührt er auch nicht, wenn er weint;denn man weiß, daß er mit den Thräncn nur seine Nelkcnbeete be-gießt, Darum überzeugt er nicht, wenn er auch die Wahrheit spricht;denn man weiß, daß er an der Wahrheit nur das Schöne liebt.Aber die Wahrheit ist nicht immer schön, sie bleibt es nicht immer.Es dauert lange, bis sie in Blüte kömmt, und sie muß verblühe»,che sie Früchte trägt, Heine würde die deutsche Freiheit anbeten,wenn sie in voller Blute stände; da sie aber wegen des rauhenWinters mit Mist bedeckt ist, erkennt er sie nicht und verachtet sie.Mit welcher schönen Begeisterung hat er nicht von dem Kampfe der