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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
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221
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Heinrich Heine über Ludwig Börne. 221

populärer Sprache ein für allemal auf öffentlichem Markte Proklamierthaben, diese kann das vcrehrungswürdige Publikum immer im Zu-sammenhang begreifen, es besitzt einen Maßstab für jede ihrer Hand-lungen, es freut sich dabei über seine eigene Intelligenz, wie bei eineraufgelösten Charade, und jubelt:Seht, das ist ein Charakter!"

Es ist immer ein Zeichen von Borniertheit, wenn man van derbornierten Menge leicht begriffen nnd ausdrücklich als Charakter ge-feiert wird. Bei Schriftstellern ist dies noch bedenklicher, da ihreThaten eigentlich in Worten bestehen, nnd was das Publikum alsCharakter iu ihren Schriften verehrt, ist am Ende nichts anderes,als knechtische Hingebung an den Moment, als Mangel an Bildncr-ruhe, an Kunst,

Der Grundsatz, daß man den Charakter eines Schriftstellers auSseiner Schreibweise erkenne, ist nicht unbedingt richtig: er ist bloßanwendbar bei jener Masse von Autoren, denen beim Schreiben nurdie augenblickliche Inspiration die Feder führt, nnd die mehr demWorte gehorchen als befehlen. Bei Artisten ist jener Grundsatz nuzulässig, denn diese sind Meister des Wortes, handhaben es zu jedembeliebigen Zwecke, prägen es nach Willkür, schreiben objektiv, nnd ihrCharakter verrät sich nicht in ihrem Stil,

Ob Börne ein Charakter ist, während andere nur Dichter sind,diese unfruchtbare Frage können wir nur mit dem mitleidigsten Achsel-zucken beantworten,

Nur Dichter" wir werden unsere Gegner nie so bitter tadeln,daß wir sie in eine und dieselbe Kategorie setzen mit Dante, Milte»,Cervantes, Camoens, Philipp Sidueh, Friedrich Schiller, WolfgangGoethe, welche nur Dichter waren , , , Unter uns gesagt, diese Dichter,sogar der letztere, zeigten manchmal Charakter!

Sie haben Augen nnd sehen nicht, sie haben Ohren nnd hörennicht, sie haben sogar Nasen nnd riechen nichts." Diese Wortelassen sich sehr gut anwenden ans die plumpe Menge, die nie begreifenwird, daß ohne innere Einheit keine geistige Größe möglich ist, nnddaß, was eigentlich Charakter genannt werden muß, zu den unerläß-lichsten Attributen des Dichters gehört.

Die Distinktion zwischen Charakter und Dichter ist übrigens zu-nächst von Börne selbst ausgegangen, und er hatte selber schon allenjenen schnöden Folgerungen vorgearbeitet, die seine Anhänger spätergegen den Schreiber dieser Blätter abhaspelten. In den PariserBriefen nnd den erwähnten Artikeln desReformateur" wird bereitsvon meinem charakterlosen Pvctentum nnd meiner poetischen Charakter-losigkeit hinlänglich gezüngelt, nnd es winden nnd krümmen sich dortdie giftigsten Insinuationen, Nicht mit bestimmten Worten, abermit allerlei Winken, werde ich hier der zweideutigsten Gesinnungen,wo nicht gar der gänzlichen Gesinnungslosigkeit verdächtigt! Ich werde