220 Novellistische Fragmente,
wetterten Auseinandersetzungen mich öffentlich angriff nnd über dieMeinungsdiffcrcnz, die zwischen nns herrschte, das Publikum selberaufklärte. Das that er namentlich im sechsten Bande seiner PariserBriefe nnd in zwei Artikeln, die er in der französischen Zeitschrift,,0s kstorinatonr" abdrucken ließ,*) Diese Artikel, Warans ich, wiebereits erwähnt warben, nie antwortete, gaben wieder Gelegenheit,bei jeder Besprechung Börnes auch von mir zu reden, jetzt freilichin einem ganz andern Tone wie früher. Die Aristokraten über-häuften mich mit den perfidesten Lvbspriichen, sie priesen mich fastzu Grunde; ich wurde plötzlich wieder ein großer Dichter, nachdemich ja eingesehen hätte, daß ich meine politische Nolle, den lächerlichenRadikalismus, nicht weiter spielen könne. Die Radikalen hingegenfingen nun an, öffentlich gegen mich loszuziehen — (privatim thatensie es zu jeder Zeit) — sie ließen kein gutes Haar an mir, sie sprachenmir allen Charakter ab, nnd ließen nur noch den Dichter gelten, —Ja, ich bekam, sozusagen, meinen politischen Abschied nnd wurdegleichsam in Ruhestand nach dem ParnassuS versetzt. Wer die er-wähnten zwei Parteien kennt, wird die Großmut, womit sie mir denTitel eines Poeten ließen, leicht würdigen. Die einen sehen in einemDichter nichts anderes, als einen träumerischen Höfling müßiger Ideale,Die andern sehen in dem Dichter gar nichts' in ihrer nüchternenHohlheit findet Poesie auch nicht den dürftigsten Wicdcrklang,
Was ein Dichter eigentlich ist, wollen wir dahingestellt sein lassen.Doch können wir nicht umhin, über die Begriffe, die man mit demWorte „Charakter" verbindet, unsere unmaßgebliche Meinung aus-zusprechen.
Was versteht man unter dem Worte „Charakter"?
Charakter hat derjenige, der in den bestimmten Kreisen einerbestimmten Lebensanschannng lebt und waltet, sich gleichsam mit der-selben identifiziert, und nie in Widerspruch gerät mit seinem Denkennnd Fühlen, Bei ganz ausgezeichneten, über ihr Zeitalter hinaus-ragenden Geistern kann daher die Menge nie wissen, ob sie Charakterhaben oder nicht, denn die große Menge hat nicht Weitblick genug,um die Kreise zu überschauen, innerhalb derselben sich jene hohenGeister bewegen. Ja, indem die Menge nicht die Grenzen des Möllensund Dürfen? jener hohen Geister kennt, kann es ihr leicht begegnen,in den Handlungen derselben weder Befugnis noch Notwendigkeitzu sehen, und die geistig Blöd nnd Kurzsichtigen klagen dann überWillkür, Inkonsequenz, Charakterlosigkeit, Minder begabte Menschen,deren oberflächlichere und engere Lebensanschannng leichter ergründetund überschaut wird, und die gleichsam ihr Lebensprvgramm in
*) Einer dieser Artikel ( über Heines Buch ,,I>s ist ans dem
»Itöloi-rnatmu-" vom 30. Mai 1835 in der neuen Gesamtansgabe von BornesSchriften, Bd. VII, S. 248 ff., wieder abgedruckt. Der Herausgeber.