Heinrich Heine über Ludwig Börne. 213
Ich vermag den Ort nicht genau zu bezeichnen, wo auf deinPsre-Lachnisc sich Börnes Grab befindet. Ich bemerke dieses aus-drücklich. Denn während er lebte, ward ich nicht selten von reisendenDeutschen besucht, die mich frugen, wo Börne wohne, und jetzt werdeich sehr oft mit der Frage behelligt: wo Börne begraben läge? Soviel man sagt, liegt er unten ans der rechten Seite des Kirchhofs,unter lauter Generälen aus der Kaiserzeit und Schauspielerinnen desTlMtre-Frangais . . . unter toten Adlern und toten Papageien.
In der „Zeitung für die elegante Welt" las ich jüngst, daß dasKreuz auf dem Grabe Börnes vom Sturme niedergebrochen worden.Ein jüngerer Poet besang diesen Umstand in einem schönen Gedichte,wie denn überhaupt Börne, der im Leben so oft mit den faulstenÄpfeln der Prosa beschmissen worden, jetzt nach seinem Tode mit denwohlduftigsten Versen bewuchert wird. Das Volk steinigt gernseine Propheten, um ihre Religion desto inbrünstiger zu verehren:die Hunde, die uns heute anbellen, morgen küssen sie gläubig unsereKnochen! — —
Wie ich bereits gesagt habe, ich liefere hier weder eine Apologienoch eine Kritik des Mannes, womit sich diese Blätter beschästigen.Ich zeichne nur sein Bild, mit genauer Angabe des Ortes und derZeit, wo er mir saß. Zugleich verhehle ich nicht, welche günstigeoder ungünstige Stimmung mich während der Sitzung beherrschte.Ich liefere dadurch den besten Maßstab für den Glauben, den meineAngaben verdienen.
Ist aber einerseits dieses beständige Konstatieren meiner Persön-lichkeit das geeignetste Mittel, ein Selbstnrteil des Lesers zu fördern,so glaube ich andererseits zu einem Hervorstehen meiner eigenenPerson in diesem Buche besonders verpflichtet zu sein, da, durch einenZusammenfluß der heterogensten Umstände, sowohl die Feinde wiedie Freunde Börnes nie aufhörten, bei jeder Besprechung desselbenüber mein eigenes Dichten und Trachten mehr oder minder wohl-wollend oder böswillig zu räsonnieren. Die aristokratische Partei inDeutschland, wohl wissend, daß ihr die Mäßigung meiner Rede weitgefährlicher sei, als die Berserkcrwnt Börnes, suchte mich gern alseinen gleichgesinnten Kumpan desselben zu verschreien, um mir einegewisse Solidarität seiner politischen Tollheiten aufzubürden. Dieradikale Partei, weit entfernt, diese Kriegslist zu enthüllen, unter-stützte sie vielmehr, um mich in den Augen der Menge als ihrenGenossen erscheinen zu lassen und dadurch die Autorität meinesNamens auszubeuten. Gegen solche Machinationen öffentlich auf-zutreten, war unmöglich: ich hätte nur den Verdacht auf mich geladen,als desavouierte ich Börne, um die Gunst seiner Feinde zu gewinnen.Unter diesen Umständen that mir Börne wirklich einen Gefallen, als.er nicht bloß in kurz hingeworfenen Worten, sondern auch in er-