Heinrich Heine über Ludwig Börne. 217
wir bei den Poeten finden und mit keinem rechten Namen zu be-zeichnen wissen. Wenn ich auch am Tage wohlbeleibt und lachenddahinwandlc durch die funkelnden Gassen Babylons, glaubt mir's!sobald der Abend herabsinkt, erklingen die melancholischen Harfen inmeinem Herzen, und gar des Nachts erschmettcrn darin alle Paukenund Zimbeln des Schmerzes, die ganze Janitscharenmusik der Well-qual, und es steigt empor der entsetzlich gellende Mummenschanz . . .
O welche Träume! Träume des Kerkers, des Elends, des Wahn-sinns, des Todes! Ein schrillendes Gemisch von Unsinn und Weis-heit, eine bunte vergiftete Suppe, die nach Sauerkraut schmeckt undnach Orangeblütcn riecht! Welch ein grauenhaftes Gefühl, wenn dienächtlichen Träume das Treiben des Tages verhöhnen, und aus denflammenden Mohnblumen die ironischen Larven hervorgucken undRübchen schaben, und die stolzen Lorbeerbäume sich iu graue Distelnverwandeln, und die Nachtigallen ein Spvttgclächter erheben . . .
Gewöhnlich in meinen Träumen sitze ich auf einem Eckstein derRue Laffitte, an einem feuchten Herbstabcud, wenn der Mond ansdas schmutzige Bvulevnrdpflaster herabstrahlt mit langen Streiflichtern,so dast der Kot vergoldet scheint, wo nicht mit blitzenden Diamantenübersäet . . . Die vorübergehenden Menschen sind ebenfalls nurglänzender Kot: Stockjobbers, Spieler, wohlfeile Skribenten, Falsch-münzer des Gedankens, noch wohlfeilere Dirnen, die freilich nur mitdem Leibe zu lügen brauchen, satte Faulbttuche, die im Cafe de Parisgefüttert worden und jetzt nach der Academic de Mnsique hinstürzen,nach der Kathedrale des Lasters, wo Fanny Elsler tanzt und lächelt...Dazwischen rasseln auch die Karossen und springen die Lakeien, diebunt wie Tulpen und gemein wie ihre gnädige Herrschaft . . . Undwenn ich nicht irre, iu einer jener frechen goldenen Kutschen sitzt derehemalige Cigarrenhändler Aguadv, und seine stampfenden Rosse be-spritzen von oben bis unten meine rosaroten Tricotklcidcr . . . Ja,zu meiner eigenen Verwunderung bin ich ganz in rosaroten Trieotgekleidet, in ein sogenanntes fleischfarbiges Gewand, da die vorgerückteJahreszeit und auch das Klima keine völlige Nacktheit erlaubt, wiein Griechenland, bei den Thermopyleu, Ivo der König Lconidas mitseinen dreihundert Spartanern am Vorabend der Schlacht ganz nackttanzte, ganz nackt, das Haupt mit Blumen bekränzt . . . Eben wieLeonidas auf dem Gemälde von David bin ich kostümiert, wenn ichin meinen Träumen auf dem Eckstein sitze an der Rue Laffitte, woder verdammte Kutscher von Aguadv mir meine Tricvthoscn be-spritzt . . . Der Lump, er bespritzt mir sogar den Blumenkranz, denschönen Blumenkranz, den ich auf meinem Haupt trage, der aber,unter uns gesagt, schon ziemlich trocken und nicht mehr duftet . . .Ach! es waren frische, freudige Blumen, als ich mich einst damitschmückte, in der Meinung, den andern Morgen ging es zur Schlacht,