216 Novellistische Fragmente.
ländischc Redensarten ... Ihr habt vielleicht einen Begriff vom.leiblichen Exil, jedoch vom geistigen Exil kann nur ein deutscherDichter sich eine Borstellung machen, der sich gezwungen sähe, denganzen Tag französisch zu sprechen, zu schreiben, und sogar des Nachtsam Herzen der Geliebten französisch zu seufzen! Auch meine Ge-danken sind exiliert, exiliert in eine fremde Sprache.
Glücklich sind die, welche in der Fremde nur mit der Armut zukämpfen haben, mit Hunger und Kälte, lauter natürlichen Übeln ...Durch die Luken ihrer Dachstuben lacht ihnen der Himmel und alleseine Sterne . . . O goldenes Elend, mit weißen Glacehandschuhen,wie bist du unendlich qnalsamer! . . . Das verzweifelnde Haupt mußsich frisieren lassen, wo nicht gar parfümieren und die zürnendenLippen, welche Himmel und Erde verfluchen möchten, müssen lächeln,und immer lächeln . . .
Glücklich sind die, welche über das. große Leid am Ende ihrletztes bißchen Verstand verloren und ein sicheres Unterkommen ge-funden in Charenton oder in Bicetre, wie der arme F^--^ unearme wie der arme und so manche andere, die ich wenigerkannte . . . Die Zelle ihres Wahnsinns dünkt ihnen eine geliebteHeimat, und in der Zwangsjacke dünken sie sich Sieger über allenDespotismus, dünken sie sich stolze Bürger eines freien Staates . . .Aber daS alles hätten sie zu Hanse ebensogut haben können!
Nur der Übergang von der Vernunft zur Tollheit ist ein ver-drießlicher Moment und gräßlich . . . Mich schaudert, wenn ich darandenke, wie der F°^ zum letzten Male zu mir kam, um ernsthaft mitmir zu verhandeln, daß man auch die Mondmenscheu und die ent-ferntesten Stcrnebewohncr in den großen Völkerbund aufnehmenmüsse. Aber wie soll man ihnen unsere Vorschläge ankündigen?Das war die große Frage. Ein anderer Patriot hatte in ähnlicherAbsicht eine Art kolossaler Spiegel erdacht, womit man Proklamationenmit Riesenbuchstaben in der Luft abspiegelt, so daß die ganze Mensch-heit sie auf einmal lesen könnte, ohne daß Censor und Polizei es zuverhindern vermöchten . . . Welches staatsgefährliche Projekt! Unddoch geschieht dessen keine Erwähnung in dem Bundestagsberichte überdie revolutionäre Propaganda!
Am glücklichsten sind wohl die Toten, die im Grabe liegen, ansdem Psre-Lachaise, wie du armer Börne!
Ja, glücklich sind diejenigen, welche in den Kerkern der Heimat,glücklich die, welche in den Dachstuben des körperlichen Elends, glück-lich die Verrückten im TvllhanS, am glücklichsten die Toten! Wasmich betrifft, den Schreiber dieser Blätter, ich glaube mich am Endegar nicht so sehr beklagen zu dürfen, da ich des Glückes aller dieserLeute gewissermaßen teilhaft werde durch jene wunderliche Empfäng-lichkeit, jene unwillkürliche Mitempfindnng, jene Gemiitskrankheit, die