Heinrich Heine über Ludwig Börne. 218
sophen mitsamt ihren Ideen durch Galgen und Rad ausgerottetworden. Die deutschen Freiheitsfrcnnde jedoch, zu republikanisch ge-sinnt, um dem Napoleon zu huldigen, auch zu großmütig, um sichder Fremdherrschaft anzuschließen, hüllten sich seitdem in ein tiefesSchweigen. Sie gingen traurig herum mit gebrochenen Herzen, mitverschlossenen Lippen. Als Napoleon fiel, da lächelten sie, aber weh-mütig und schwiegen; sie nahmen fast gar keinen Teil an dempatriotischen Enthusiasmus, der damals mit allerhöchster Bewilligungin Deutschland emporjubelte. Sie wußten, was sie wußten, undschwiegen. Da diese Republikaner eine sehr keusche,, einfache Lebens-art führen, so werden sie gewöhnlich sehr alt, und als die Julius-revolution ausbrach, waren noch viele von ihnen am Leben, undnicht wenig wunderten wir uns, als die alten Käuze, die wir sonstimmer so gebengt und fast blödsinnig schweigend umherwandeln ge-sehen, jetzt plötzlich das Haupt erhoben, und uns Jungen freundlichentgegen lachten und die Hände drückten und lustige Geschichten er-zählten. Einen von ihnen hörte ich sogar singen; denn im Kaffee-hause sang er uns die Marseiller Hymne vor, und wir lernten dadie Melodie und die schönen Worte, und es dauerte nicht lange, sosangen wir sie besser als der Alte selbst; denn der hat manchmal inder besten Strophe wie ein Narr gelacht, oder geweint wie ein Kind.Es ist immer gut, wenn so alte Leute leben bleiben, um den Jungendie Lieder zu lehren. Wir Jungen werden sie nicht vergessen, undeinige von uns werden sie einst jenen Enkeln einstudieren, die jetztnoch nicht geboren sind. Viele von uns aber werden unterdessenverfault sein, daheim im Gefängnisse, oder auf einer Dachstube inder Fremde — — —"
Obige Stelle ans meinem Buche „vs 1'^.llsnra,^ns° (sie fehltin der deutschen Ausgabe)*) schrieb ich vor etwa sechs Jahren, undindem ich sie heute überlese, lagern sich über meine Seele, wie feuchteSchatten, alle jene trostlosen Betrübnisse, wovon mich damals nurdie ersten Ahnungen anwehten. Es rieselt mir wie Eiswasser durchdie glühendsten Empfindungen, und mein Leben ist nur ein schmerz-liches Erstarren. O, kalte Winterhölle, worin wir zähneklapperndleben! . . . O Tod, weißer Schneemann im unendlichen Nebel, wasnickst du so verhöhnend! . . .
Glücklich sind die, welche in den Kerkern der Heimat ruhig hin-modern . . . denn diese Kerker sind eine Heimat mit eisernen Stangen,und deutsche Luft weht hindurch, und der Schlüsselmeister, wenn ernicht ganz stumm ist, spricht er die deutsche Sprache! ... Es sindheute über sechs Monde, daß kein deutscher Laut an mein Ohr klang,und alles, was ich dichte und trachte, kleidet sich mühsam in aus-
*) In der Gesamtausgabe der HeinescheN Werke ist obige Stelle gehörigenOrts eingeschaltet worden. Der Herausgeber.