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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
213
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Heinrich Heine über Ludwig Börne. 21Z

Talmuds die Details zu lesen sind, die mir der große Rabbi ganztreu mitteilte, und überhaupt nur in den Grnndziigen schwebt mirseine Beschreibung des Messias noch im Gedächtnisse. Der Messias,sagte er mir, sei an dein Tage geboren, wo Jerusalem durch denBösewicht, Titus Vcspasinu, zerstört worden, und seitdem wohne erim schönsten Palaste deS Himmels, umgeben von Glanz und Freude,auch eine Krone auf dein Haupte tragend, ganz wie ein König . . .aber seine Hände seien gefesselt mit goldenen Ketten!

Was," frug ich verwundert,was bedeuten diese goldenenKetten?"

Die sind notwendig," erwiderte der große Rabbi mit einemschlauen Blick und einem tiefen Seufzer,ohne diese Fessel würde derMessias, wenn er mauchmal die Geduld verliert, plötzlich hcrabeilenund zu frühe, zur unrechten «stunde, das Erlösungswerk unternehmen.Er ist eben keine ruhige Schlafmütze. Er ist ein schöner, sehr schlanker,aber doch ungeheuer kräftiger Manu; blühend wie die Jugend. DasLeben, das er führt, ist übrigens sehr einförmig. Den größten Teildes Morgens verbringt er mit den üblichen Gebeten, oder lacht undscherzt mit seinen Dienern, welche verkleidete Engel sind und hübschsingen und die Flöte blasen. Dann läßt er sein langes Haupthaarkämmen, und man salbt ihn mit Nardcn und bekleidet ihn mit seinemfürstlichen Purpurgewande. Den ganzen Nachmittag studiert er dieKabbala. Gegen Abend läßt er seinen alten Kanzler kommen, derein verkleideter Engel ist, ebenso wie die vier starken Staatsräte, dieihn begleiten, verkleidete Engel sind. Ans einem großen Buche mußalsdann der Kanzler seinem Herrn vorlesen, was jeden Tag passierte ...Da kommen allerlei Geschichten vor, worüber der Messias vergnügtlächelt, oder auch mißmutig den Kopf schüttelt . . . Wenn er aberhört, wie man nuten sein Volk mißhandelt, dann gerät er in denfurchtbarsten Zorn und heult, daß die Himmel erzittern . . . Dievier starken Staatsräte müssen dann den Ergrimmten zurückhalten,daß er nicht herabcilc ans die Erde, und sie würden ihn wahrlichnicht bewältigen, wären seine Hände nicht gefesselt mit den goldenenKetten . . . Man beschwichtigt ihn auch mit sanften Reden, daß jetztdie Zeit noch nicht gekommen sei, die rechte Rcttnngsstunde, und ersinkt am Ende aufs Lager und verhüllt sein Antlitz und weint ..."

So ungefähr berichtete mir Manassc bcn Naphtali zu Krakau,seine Glaubwürdigkeit mit Hinweisnug ans den Talmud verbürgend.Ich habe oft an seine Erzählungen denken müssen, besonders in denjüngsten Zeiten, nach der Jnliusrevolution. Ja, in schlimmen Tagenglaubte ich manchmal mit eigenen Ohren ein Gerassel zu hören wievon goldenen Ketten, und dann ein verzweifelndes Schluchzen . . .

O verzage nicht, schöner Messias, der du nicht bloß Israel er-lösen willst, wie die abergläubischen Inden sich einbilden, sondern