212 Novellistische Fragmente.
und herrlich, und beschämen und überwinden ihre plumpen DrängenDer tiefsinnige Rosenkranz vergleicht sie mit dein Riesen Antäus, nurdaß dieser jedesmal erstarkte, wenn er die Erde berührte, jene aber,die Juden, neue Kräfte gewinnen, sobald sie wieder mit dem Himmelin Berührung kommen. Merkwürdige Erscheinung der grellstenExtreme! während unter diesen Menschen alle möglichen Fratzcnbilderder Gemeinheit gefunden werden, findet man unter ihnen auch dieIdeale des reinsten Menschentums, und wie sie einst die Welt inneue Bahnen des Fortschrittes geleitet, so hat die Welt vielleicht nochweitere Initiationen von ihnen zu erwarten . . .
„Die Natur," sagte mir einst Hegel, „ist sehr wunderlich; die-selben Werkzeuge, die sie zu den erhabensten Zwecken gebraucht, be-nutzt sie auch zu den niedrigsten Verrichtungen, z.B. jenes Glied,welchem die höchste Mission, die Fortpflanzung der Menschheit, an-vertraut ist, dient auch zum — — —"
Diejenigen, welche über die Dunkelheit Hegels klagen, werden ihnhier verstehen, und wenn er auch obige Worte nicht eben in Beziehungans Israel aussprach, so lassen sie sich doch darauf anwenden.
Wie dem auch sei, es ist leicht möglich, daß die Sendung diesesStammes noch nicht ganz erfüllt, und namentlich mag dieses in Be-ziehung ans Deutschland der Fall sein. Auch letzteres erwartet einenBefreier, einen irdischen Messias — mit einem himmlischen habenuns die Juden schon gesegnet — einen König der Erde, einen Rettermit Zepter und Schwert, und dieser deutsche Befreier ist vielleichtderselbe, dessen auch Israel harret . . .
O teurer, sehnsüchtig erwarteter Messias!
Wo ist er jetzt, wo weilt er? Ist er noch ungeboren, oder liegter schon sett einem Jahrtausend irgendwo versteckt, erwartend diegroße rechte Stunde der Erlösung? Ist es der alte Barbarossa, derim Khffhäuser schlummernd sitzt ans dein steinernen Stuhle und schonso lange schläft, daß sein weißer Bart durch den steinernen Tischdurchgewachsen? . . . nur manchmal schlaftrunken schüttelt er daSHaupt und blinzelt mit den halbgeschlossenen Augen, greift auch wohlträumend nach dem Schwert . . . und nickt wieder ein in den schwere»Jahrtauscndschlaf!
Nein, es ist nicht der Kaiser Rotbart, welcher Deutschland be-freien wird, wie das Volk glaubt, das deutsche Volk, das schlnmmcr-süchtige, träumende Volk, welches sich auch seinen Messias nur in derGestalt eines alten Schläfers denken kann!
Da innchen doch die Inden sich eine weit bessere Vorstellung vonihrem Messias, und vor vielen Jahren, als ich in Polen war undmit dem großen Rabbi Manasse bcn Naphtali zu Krakau verkehrte,horchte ich immer mit freudig offenem Herzen, wenn er von demMessiaS sprach ... Ich weitz nicht mehr, in welchem Buche des