208 Novellistische Fragmente.
nach verschämt, wie jede Liebe, sich gern unter knurrenden Schelt-worten und nergelndem Murrsinn versteckte, aber in unbewachterStunde desto gewaltsamer hervorbrach. Wenn Deutschland allerleiVerkehrtheiten beging, die böse Folgen haben konnten, wenn es denMut nicht hatte, eine heilsame Medizin einzunehmen, sich den Starstechen zu lassen oder sonst eine kleine Operation auszuhalten, danntobte und schimpfte Ludwig Börne und stampfte und wetterte: —wenn aber das vorausgesehene Unglück wirklich eintrat, wenn manDeutschland mit Füßen trat oder so lange peitschte, bis Blut floß,dann schmollte Börne nicht länger, und er sing an zu flennen, derarme Narr, der er war, und schluchzend behauptete er alsdann, Deutsch-land sei das beste Land der Welt und das schönste Land, und dieDeutschen seien das schönste und edelste Volk, eine wahre Perle vonVolk, und nirgends sei man klüger als in Deutschland, und sogardie Narren seien dort gescheit, und ine Flegelei sei eigentlich Gemüt,und er sehnte sich ordentlich nach den geliebten Rippenstößen derHeimat, und er hatte manchmal ein Gelüste nach einer recht saftigendeutschen Dummheit, wie eine schwangere Frau nach einer Birne.Auch wurde für ihn die Entfernung vom Vaterlands eine wahreMarter, und manches böse Wort in seinen Schriften hat die Qualhervorgeprcßt. Wer das Exil nicht kennt, begreift nicht, wie grelles unsere Schmerzen färbt, und wie es Nacht und Gift in unsereGedanken gießt. Dante schrieb seine Hölle im Exil. Nur wer imExil gelebt hat, weiß auch, was Vaterlandsliebe ist, Vaterlandsliebemit all ihren süßen Schrecken und sehnsüchtigen Kümmernissen!Zum Gliick für unsere Patrioten, die in Frankreich leben müssen,bietet dieses Land so viele Ähnlichkeit mit Deutschland; fast dasselbeKlima, dieselbe Vegetation, dieselbe Lebensweise. „Wie furchtbar mußdas Exil sein, wo diese Ähnlichkeit fehlt," bemerkte mir einst Borne,als wir im Jardin des Plantcs spazieren gingen, „wie schrecklich, wennman um sich her nur Palmen und tropische Gewächse sähe und ganzwildfremde Tierarten, wie Känguruhs und Zebras ... Zu unseremGlücke sind die Blumen in Frankreich ganz so wie bei uns zu Hause,die Veilchen und Rosen sehen ganz wie deutsche aus, auch die Ochsenund Kühe, und die Esel sind geduldig und nicht gestreift, ganz wie beiuns, und die Vögel sind gefiedert und singen in Frankreich ganz so wiein Deutschland, und wenn ich gar hier in Paris die Hunde herum-laufen sehe, kann ich mich ganz wieder über den Rhein zurückdenken,und mein Herz ruft mir zu: Das sind ja unsere deutschen Hunde!"
Ein gewisser Blödsinn hat lange Zeit in Börnes Schriften jeneV aterlandsliebe ganz verkannt, ltbcr diesen Blödsinn konnte er sehrmitleidig die Achseln zucken, und über die keuchenden alten Weiber,welche Holz zu seinem Scheiterhaufen herbeischleppten, konnte er mitSeelenruhe ein Lunobs, sirnplieitus! auSrufcn. Aber wenn jesuitische