2lZK Novellistische Fragmente.
welchem grauenhaft peinlichen Znstand die ganze römische Weltschmachtete , , , Wie der einzelne sich trostlos die Adern öffnete undim Tode ein Asyl suchte gegen die Tyrannei der Casaren: so stürztesich die große Menge in die ASketik, in die Abtvtungslehrc, in dieMartyrsucht, in den ganzen Selbstmord der nazarenischen Religion,nm auf einmal die damalige Lcbensqual von sich zu werfen und denFolterknechten des herrschenden Materialismus zu trotzen , . .
Für Menschen, denen die Erde nichts mehr bietet, ward derHimmel erfunden , , , Heil dieser Erfindung! Heil einer Religion,die dem leidenden Menschengeschlecht in den bitteren Kelch einige süße,einschläfernde Tropfen goß, geistiges Opium, einige Tropfen Liebe,Hoffnung und Glauben!
Ludwig Börne war, wie ich bereits in der ersten Abteilung er-wähnte, seiner Natur nach ein geborener Christ, und diese spiri-tualistische Richtung mußte in den Katholizismus überschnappen, alsdie verzweifelnden Republikaner nach den schmerzlichsten Niederlagensich mit der katholischen Partei verbanden, — Wie weit ist es Ernstmit dieser Verbindung? Ich kann's nicht sagen. Manche Republikanermögen wirklich aus Ärger katholisch geworden sein. Die meistenjedoch verabscheuen im Herzen ihre neuen Alliierten, und es wirdKomödie gespielt von beiden Seiten, Es gilt nur den gemeinschaft-lichen Feind zu bekämpfen, und in der That, die Verbindung derbeiden Fanatismen, des religiösen und des politischen, ist bedrohlichim höchsten Grade, Zuweilen aber geschieht es, daß die Menschen sichin ihrer Rolle verlieren und aus dem listigen Spiel ein plumper Ernstwird; und so mag wohl mancher Republikaner so lange mit den katho-lischen Symbolen geliebäugelt haben, bis er zuletzt daran wirklichglaubte; und mancher schlaue Pfaffe mag so lange die Marseillaise ge-sungen haben, bis sie sein LieblingSlied ward, und er nicht mehr Messelesen kann, ohne in die Melodie dieses Schlachtgesanges zu verfallen.
Wir armen Deutschen, die wir leider keinen Spaß verstehen, wirhaben das Fraternisieren des Nepnblikanismus und des Katholizismusfür baren Ernst genommen, und dieser Irrtum kann uns einst sehrteuer zu stehen kommen. Arme deutsche Republikaner, die ihr Satanbannen wollt durch Beelzebub, ihr werdet, wenn euch solcher Exor-cismus gelänge, erst recht aus dem Fcncrregcn in die Flammentranfcgeraten! Wie gar manche deutsche Patrioten, nm protestantischeRegierungen zu befehden, mit der katholischen Partei gemeinschaft-liche Sache treiben, kann ich nicht begreifen. Man wird mir, demdie Preußen bekanntlich so viel Herzeleid bereiteten, man wird mirschwerlich eine blinde Sympathie für Borussia zuschreiben: ich darfdaher freimütig gestehen, daß ich in dem Kampfe Preußens mit derkatholischen Partei nur ersterem den Sieg wünsche , , , Denn eineNiederlage würde hier notwendig zur Folge haben, daß einige deutsche