Heinrich Heine über Ludwig Börne, 205
Die listigen Wvrte, womit Menzel sein Deutschtum, wie ein , vausier-jude seinen Plunder, anpreist, seine alten Tiraden von Hermanndem Cherusker, dem Korsen, dein gesunden Pflanzenschlaf, MartinLuther, Blücher, der Schlacht bei Leipzig, womit er den Stolz desdeutschen Volkes kitzelte will, alle diese abgelebten Redensarten weis,Börne so zu beleuchten, daß ihre lächerliche Nichtigkeit aufs ergötzlichste veranschaulicht wird; und dabei brechen aus seinem eigenenHerzen die rührendsten Naturlaute der Vaterlandsliebe, tvic ver-schämte Geständnisse, die man in der letzten Stunde des Lebens nichtmehr zurückhalten kann, die wir mehr hervvrschluchzcn als aus-sprechen , , , Der Tod steht daneben und nickt als unabweisbarerZeuge der Wahrheit!
Ja, er war nicht bloß ein guter Schriftsteller, sondern auch eingroßer Patriot,
In Beziehung ans Börnes schriftstellerischen Wert muß ich hierauch seine Übersetzung der ?arolss cl'nn arozmut erwähnen, die erebenfalls in seinem letzten Lebensjahre angefertigt, und die als einMeisterstück des Stils zu betrachten ist. Daß er eben dieses Buchübersetzte, daß er sich überhaupt in die Jdeenkreise Lamennaies ver-locken ließ, will ich jedoch nicht rühmen. Der Einfluß, den dieserPriester auf ihn ausübte, zeigte sich nicht bloß in der erwähntenÜbersetzung der?g,rols8 cl'un orozmnt, sondern auch in verschiedenenfranzösischen Aufsätzen, die Börne damals für den „ikskorinatsnr"und die „öalanvs" schrieb, in jenen merkwürdigen Urkunden seinesGeistes, Ivo sich ein Verzagen, ein Verzweifeln an protestantischerVernunftautvrität gar bedenklich offenbart und das erkrankte Gemütin katholische Anschauungen hinüber schmachtet , . .
Es war vielleicht ein Glück für Börne, daß er starb . . . Wennnicht der Tod ihn rettete, vielleicht sähen wir ihn heute römisch-katholisch blamiert.
Wie ist das möglich? Börne wäre am Ende katholisch ge-worden? Er hätte in den Schoß der römischen Kirche sich geflüchtetund das leidende Haupt durch Orgelton und Glockenklang zu be-täuben gesucht? Nun ja, er war auf dem Wege, dasselbe zu thun,was so manche ehrliche Leute schon gethan, als der Ärger ihnen insHirn stieg und die Vernunft zu fliehen zwang, und die arme Ver-nunft ihnen beim Abschied nur noch den Rat gab: „Wenn ihr dochverrückt sein wollt, so werdet katholisch, und man wird euch wenigstensnicht einsperren, wie andere Monomanen,"
„Aus Ärger katholisch werden" — so lautet ein deutsches Sprich-wort, dessen verflucht tiefe Bedeutung mir jetzt erst klar wird, —Ist doch der Katholizismus die schauerlich reizendste Blüte jenerDoktrin der Verzweiflung, deren schnelle Verbreitung über die Erdenicht mehr als ein großes Wunder erscheint, wenn man bedenkt, in