Heinrich Heine iiber Ludwig Börne. 201
Reihen der Kämpfer für die Prinzipien der Revolution, und ichzweifle nicht, daß sie mutig mitgefochten hätten in der gemeinsamenGefahr. Ich fürchtete keine Untreue von ihnen während der Schlacht,aber nach dem Siege; ihre alte Natur, die zurückgedrängte Deutsch-tümelei, wäre wieder hervorgebrochen, sie hätten bald die rohe Massemit den dunkeln Beschirm rnngsliedern des Mittelalters gegen unsaufgewiegelt und diese Beschwörnngslieder, ein Gemisch von uraltemAberglauben und dämonischer Erdkräfte, wären stärker gewesen alsalle Argumente der Vernunft . . .
Menzel war der erste, der, als die Luft kühler wurde, die alt-deutschen Rockgcdanken wieder vom Nagel herabnahm, und mit Lustwieder in die alten Jdeenkreisc zurücktnrntc. Wahrlich, bei dieserUmwendnng fiel mir wie ein Stein vom Herzen, denn in seinerwahren Gestalt war Wolfgang Menzel weit minder gefährlich, alsin seiner liberalen Vermnmmnng; ich hätte ihm um den Hals fallenmögen nnd ihn küssen, als er wieder gegen die Franzosen eiferte nndans Juden schimpfte und wieder für Gott nnd Vaterland, für dasChristentum und deutsche Eichen, in die Schranken trat nnd erschreck-lich bramarbasierte! Ich gestehe es, wie wenig Furcht er mir indieser Gestalt einflößte, so sehr ängstigte er mich einige Jahre früher,als er plötzlich für die Julinsrevolntion nnd die Franzosen inschwärmerische Begeisterung geriet, als er für die Rechte der Judenseine pathetischen, großherzigen, lafahettischen Emnncipationsrcdenhielt, als er Ansichten über Welt und Mcnschenschicksal losließ, worineine Gottlosigkeit grinste, wie dergleichen kaum bei den entschlossenstenMaterialisten gefunden wird, Ansichten, die kaum jener Tiere würdig,die sich nähren mit der Frucht der deutschen Eiche. Damals war ergefährlich, damals, ich gestehe cS, zitterte ich vor Wolfgang Menzeln!
Börne, in seiner Knrzsichtigkcit, hatte die wahre Natur des letzterennie erkannt, nnd da man gegen Renegaten, gegen umgewandelte Ge-sinnungsgenossen weit mehr Unwillen empfindet, als gegen alte Feinde,so loderte sein Zorn am grimmigsten gegen Menzeln. — Was michanbelangt, der ich fast zu gleicher Zeit eine Schrift gegen Menzelherausgab, so waren ganz andere Motive im Spiel. Der Mannhatte mich nie beleidigt, selbst seine roheste Verlästernng hat keineverletzbare Stelle in meinem Gemüte getroffen. Wer meine Schriftgelesen, wird übrigens daraus ersehen haben, daß hier das Wortweniger verwunden als reizen sollte, nnd alles dahinzielte, den Ritterdes Deutschtums auf eilt ganz anderes, als ein litterarisches Schlacht-feld herauszufordern. Menzel hat meiner loyalen Absicht keine Ge-nüge geleistet. Es ist nicht meine Schuld, wenn das Publikumdaraus allerlei verdrießliche Folgerungen zog . . . Ich hatte ihmanfs großmütigste die Gelegenheit geboten, sich durch einen einzigen Akt der Mannhaftigkeit in der öffentlichen Meinung zu reha-