2l)l) Novellistische Fragmente.
sich Spureil eines wirklichen Wahnsinns, und Gefühle und Gedankengrinsen uns entgegen, die man in die Zwangsjacke stecken müßte,denen man die Dusche geben sollte . , ,
In stilistischer Hinsicht sind die Pariser Briefe weit schätzbarer,als die früheren Schriften Börnes, worin die kurzen Sätze, der kleineHnndetrab eine unerträgliche Monotonie hervorbringeil und eine fastkindische Unbcholfenhcit verraten. Diese kurzen Sätze verlieren sichimmer mehr und mehr in den Pariser Briefen, Ivo die entzügelteLeidenschaft notgedrungen in weitere, vollere Rhythmen überströmt,und kolossale, gewitterschwangere Perioden dahinrvllen, deren Bauschön und vollendet ist, wie durch die höchste Kunst.
Die Pariser Briefe können in Beziehung auf Börnes Stildennoch nur als eine llbergangsstufe betrachtet werden, wenn mansie mit seiner letzten Schrift i „Menzel der Franzosenfresser", ver-gleicht. Hier erreicht sein Stil die höchste Ausbildung, und wie inden Worten, so auch in den Gedanken herrscht hier eine Harmonie,die von schmerzlicher, aber erhabener Beruhigung Kunde giebt. DieseSchrift ist ein klarer See, worin der Himmel mit allen Sternen sichspiegelt, und Börnes Geist taucht hier ans und unter, wie ein schönerSchwan, die Schmähungen, womit der Pöbel sein reines Gefiederbesudelte, ruhig von sich abspülend. Auch hat man diese Schrift mitRecht Börnes Schwanengesang genannt. Sie ist in Deutschlandwenig bekannt geworden, und Betrachtungen über ihren Inhaltwären hier gewiß an ihrem Platze. Aber da sie direkt gegen Wolf-gang Menzel gerichtet ist und ich bei dieser Gelegenheit denselbenwieder ausführlich besprechen müßte, so will ich lieber schweigen. Nureine Bemerkung kann ich hier nicht unterdrücken, und sie ist glücklichcrweise von der Art, daß sie vielmehr von persönlichen Bitternissenableitet und dem Hader, worin sowohl Börne als die sogenanntenMitglieder des sogenannten jungen Deutschland mit Menzeln ge-rieten, eine generelle Bedeutung zuschreibt, wo Wert oder Unwertder Individuen nicht mehr zur Sprache kommt. Bielleicht sogarliefere ich dadurch eine Justifikation des Menzelschen Betragens undseiner scheinbaren Abtrünnigkcit.
Ja, er wurde nur scheinbar abtrünnig . . . nur scheinbar . . .denn er hat der Partei der Revolution niemals mit dem Gemüteund mit dem Gedanken angehört. Wvlfgang Menzel war einer jenerTeutomanen, jener Dentschtümler, die nach der Sonnenhitze derJnliusrevolntion gezwungen wurden, ihre altdeutschen Röcke undRedensarten auszuziehen und sich geistig wie körperlich in das moderneGewand zu kleiden, das nach französischem Maße zugeschnitten. Wieich bereits zu Anfang dieses Buches gezeigt, viele von diesen Teuto-manen, um an der allgemeinen Bewegung und den Triumphen deSZeitgeistes teil zu nehmen, drängten sich in unsere Reihen, in die