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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
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199
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Heinrich Heine iiber Ludwig Börne. 199

oft verglichen worden. Aber diese Verwandtschaft beruht nur ansder inneren Tüchtigkeit, dein edlen Willen, der patriotischen Passionund dem Enthusiasmus für Humanität. Auch die Verstandesrichtnngwar iu beiden dieselbe. Hier aber hört der Vergleich auf. Lessingwar groß durch jenen offenen Sinn für Kunst und philosophischeSpekulation, welcher dem armen Börne gänzlich abging. Es giebtin der ausländischen Litteratur zwei Männer, die mit ihm eine weitgrößere Ähnlichkeit haben; diese Männer sind William Hazlitt undPaul Courrier. Beide sind vielleicht die nächsten litterarischen Ver-wandten Börnes, nur daß Hazlitt ihn ebenfalls an Kunstsinn über-flügelt und Courrier sich keineswegs zum. Börneschen Humor erhebenkann. Ein gewisser Esprit ist allen dreien gemeinsam, obgleich er beijedem eine verschiedene Färbung trägt — er ist trübsinnig bei Hazlitt,dem Brilen, wo er wie Sonnenstrahlen ans dicken englischen Nebel-wolken hcrvorblitzt; er ist fast mutwillig heiter bei dem FranzosenCourrier, wo er wie der junge Wein der Tourraine im Kelter braustund sprudelt und manchmal übermütig emporzischt; bei Börne, demDeutschen, ist er beides, trübsinnig und heiter, wie der säuerlich ernsteRheinwein und das närrische Mvndlicht der deutschen Heimat . . .Sein Esprit wird manchmal zum Humor.

Dieses ist nicht so sehr in den früheren Schriften Börnes, alsvielmehr in seinen Pariser Briefen der Fall. Zeit, Ort und Stoffhaben hier den Humor nicht bloß begünstigt, sondern ganz eigentlichhervorgebracht. Ich will damit sagen: den Humor in den PariserBriefen verdanken wir weit mehr den Zeitumständen, als dem Talentihres Verfassers. Die Jnliusrevolutiou, dieses Politische Erdbeben,hatte dergestalt in allen Sphären des Lebens die Verhältnisse aus-einander gesprengt und so buntscheckig die verschiedenartigsten Er-scheinungen zusammengeschmissen, daß der Pariser Revolntionskorrespon-dent nur treu zu berichten brauchte, was er sah und hörte, und ererreichte von selbst die höchsten Effekte des Humors. Wie die Leiden-schaft manchmal die Poesie erseht und z. B. die Liebe oder dieTodesangst in begeisterte Worte ausbricht, die der wahre Dichternicht besser und schöner zu erfinden weiß, so ersetzen die Zeitumständemanchmal den angeborenen Humor, und ein ganz prosaisch begabter,sinnreicher Autor liefert wahrhaft humoristische Werke, indem seinGeist die spaßhaften und kummervollen, schmutzigen und heiligen,grandiosen und winzigen Kombinationen einer umgestülpten Welt-ordnung treu abspiegelt. Ist der Geist eines solchen Autors nochobendrein selbst in bewegtem Znstand, ist dieser Spiegel verschobenoder grell gefärbt von eigener Leidenschaft, dann werden tolle Bilderzum Vorschein kommen, die selbst alle Geburten des humoristischenGenius überbieten . . . Hier ist das Gitter, welches den Humor vomJrrenhause trennt . . . Nicht selten in den Börnescheu Briefen zeigen