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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
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198 Novellistische Fragmente,

hätte, kam zu spät, als der Kranke bereits eine terroristische Selbstkuran sich vorgenommen nnd seinen ganzen Körper ruiniert hatte,

Börne hatte früher etwas Medizin studiert und wußte von dieserWissenschaft gerade so viel, als man eben braucht, um zu töten, Inder Politik, womit er sich später abgab, waren seine Kenntnisse wahr-lich nicht viel bedeutender.

Ich habe seinem Begräbnisse nicht beigewohnt, was unsere hiesigenKorrespvndenzlcr nicht ermangelten nach Deutschland zu berichten, undwas zu bösen Auslegungen Gelegenheit gab. Nichts ist aber thörichtcr,als in jenem Umstände, der rein zufällig sein konnte, eine feind-selige Härte zu erblicken. Die Thoren, sie wissen nicht, daß es keinangenehmeres Geschäft giebt, als dem Leichenbegängnisse eines Feindeszu folgen!

Ich war nie Börnes Freund, und ich war auch nie sein Feind,Der Unmut, den er manchmal in mir erregen konnte, war nie be-deutend, und er büßte dafür hinlänglich durch das kalte Schweigen,das ich allen seinen Verketzernngen nnd Rücken entgegensetzte. Ichhabe, während er lebte, auch keine Zeile gegen ihn geschrieben, ichgedachte seiner nie, ich ignorierte ihn komplett, und das ärgerte ihnüber alle Maßen.

Wenn ich jetzt von ihm rede, geschieht es wahrlich weder auSEnthusiasmus noch auSMißlannc; ich bin mir wenigstens der kältestenUnparteilichkeit bewußt. Ich schreibe hier weder eine Apologie nocheine Kritik, und indem ich nur von der eigenen Anschauung ausgehebei der Schilderung des Mannes, dürfte daS Standbild, das ich vonihm liefere, vielleicht als ein ikvnisches zu betrachten sein. Und esgebührt ihm ein solches Standbild, ihm, dem großen Ringer, der inder Arena unserer politischen Spiele so mutig rang, nnd, wo nichtden Lorbeer, doch gewiß den Kranz von Eichenlaub crsicgtc.

Wir geben sein Standbild mit seinen wahren Zügen, ohneIdealisierung, je ähnlicher desto ehrender für sein Andenken, Er warja weder ein Genie noch ein Heros; er war kein Gott des Olymps,Er war ein Mensch, ein Bürger der Erde, er war ein guter Schrift-steller und ein großer Patriot,

Indem ich Ludwig Börne einen guten Schriftsteller genannt,nnd ihm nur das schlichte Beiwortgut" zuerkenne, möchte ich seinenästhetischen Wert weder vergrößern noch verkleinern. Ich gebe über-haupt hier, wie ich bereits erwähnt, keine Kritik, ebensowenig wieeine Apologie seiner Schriften; nur mein unmaßgebliches Dafürhaltendarf in diesen Blättern seine Stelle finden. Ich suche dieses Privat-nrteil so kurz als möglich abzufassen; daher nur wenige Worte überBörne in rein litterarischer Beziehung,

Soll ich in der Littcratur einen verwandten Charakter aufsuchen,so böte sich zuerst Gotthold Ephraim Lcssing, mit welchem Börne sehr