Heinrich Heine über Ludwig Börne. 197
Und ich glaube, er hätte bis zum Morgen in diesem Zuge fortgeredet,wcuu ich nicht plötzlich nach langem Schweigen in die Worte aus-brach! „Sind Sie Gcmcindcversorgcr?" —
Nur zweimal habe ich ihn seitdem wieder gesprochen. Das eineMal bei der Heirat eines gemeinsamen Freundes, der uns beide alsZeugen gewählt, das andere Mal auf einem Spaziergang in denTnilerien, dessen ich bereits erwähnte. Bald darauf erschien derdritte und vierte Teil seiner Pariser Briefe, und ich vermied nichtbloß jede Gelegenheit des Zusammentreffens, sondern ich ließ ihnauch merken, daß ich ihm geflissentlich auswich, und seit der Zeithabe ich ihm zwar zwei- oder dreimal begegnet, aber nie habe ichseitdem ein einziges Wort mit ihm gesprochen. Bei seiner sanguinischenArt wurmte ihn das bis zur Verzweiflung, und er setzte alle mög-lichen Erfindungen ins Spiel, um mir wieder freundschaftlich nahenzu dürfen, oder wenigstens eine Unterredung mit mir zn bewirken.Ich hatte also nie im Leben mit Börne einen mündlichen Disput,nie sagten wir uns irgend eine schwere Beleidigung? nur aus seinengedruckten Reden merkte ich die lauernde Böswilligkeit, und nicht ver-letztes Selbstgefühl, sondern höhere Sorgen und die Treue, die ichmeinem Denken und Wollen schuldig bin, bewogen mich, mit einemMann zn brechen, der meine Gedanken und Bestrebungen kompro-mittieren wollte. Solches hartnäckige Ablehnen ist aber nicht ganzin meiner Art, und ich wäre vielleicht nachgiebig genug gewesen, mitBörne wieder zn sprechen und Umgang zn Pflegen . . . zumal dasehr liebe Personen mich mit vielen Bitten angingen und die gemein-schaftlichen Freunde oft in Verlegenheit gerieten bei Einladungen,deren ich keine annahm, wenn ich nicht vorher die Zusicherung er-hielt, daß Herr Börne nicht geladen sei . . . noch außerdem rietenmir nicine Privatinteressen, den grimmblütigen Mann durch solchesstrenge Zurückweisen nicht allzusehr zn reizen . . . aber ein Blick aufseine Umgebung, auf seine lieben Getreuen, auf den vielköpfigen undmit de» Schwänzen zusammengewachsenen Nattenkönig, dessen. Seeleer bildete, und der Ekel hielt mich zurück von jeder neuen Be-rührung mit Börne.
So vergingen mehrere Jahre, drei, vier Jahre, ich verlor denMann auch geistig aus dem Gesicht, selbst von jenen Artikeln, dieer in französischen Zeitschriften gegen mich schrieb und die im ehr-lichen Deutschland so verleumderisch ausgebeutet wurden, nahm ichwenig Notiz, als ich eines späten Herbstabends die Nachricht erhielt:Börne sei gestorben.
Wie man mir sagt, soll er seinen Tod selbst verschuldet habendurch Eigensinn, indem er sich lange weigerte, seinen Arzt, den vortrefflichen vr. Sichel, rufen zu lassen. Dieser nicht bloß berühmte,sondern auch sehr gewissenhafte Arzt, der ihn wahrscheinlich gerettet