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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
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Novellistische Fragmente.

Das waren nun Tischgespräche, die wich nicht sehr erquickten,und ich rächte mich dafür, indem ich für die Gegenstände des Börne-schcn Enthusiasmus eine übertriebene, fast leidenschaftliche Gleich-gültigkeit affektierte. Z.B. Börne hatte sich geärgert, daß ich gleichbei meiner Ankunft in Paris nichts Besseres zu thnn wußte, als fürdeutsche Blätter einen langen Bericht über die damalige Gemäldeanc'stcllnng zu schreiben. Ich lasse dahin gestellt sein, ob daS Knnst-intcrcssc, das mich zu solcher Arbeit trieb, so ganz unvereinbar warmit den revolutionären Interessen des Tages; aber Börne sah hierineinen Beweis meines Jndiffercntismus für die heilige Sache derMenschheit, und ich konnte ihm ebenfalls die Freude seines Pntriotischen Sauerkrauts verleiden, wenn ich bei Tisch von nichts als vonBildern sprach, von Roberts Schnittern, von Hvrace Bermels Judith,von Schepers Faust.Was thaten Sie," frug er mich einst,amersten Tag Ihrer Ankunft in Paris? waS war Ihr erster Gang?"Er erwartete gewiß, daß ich ihm die Place Louis XV. oder dasPantheon, die Grabmäler Ronsseaus und Voltaires, als meine ersteAusflucht nennen würde, und er machte ein sonderbares Gesicht, alsich ihm ehrlich die Wahrheit gestand, daß ich nämlich gleich bei meinerAnkunft nach der lZidliotbscing rozmls gegangen und mir vom Auf-seher der Manuskripte den Manessischen Kodex der Minnesänger her-vorholen ließ, lind das ist wahr; seit Jahren gelüstete mich, miteigenen Augen die tenern Blätter zu sehen, die uns unter anderndie Gedichte Walthers von der Vogelweide, deS größten deutschenLyrikers, aufbewahrt haben. Für Börne war dieses ebenfalls einBeweis meines Jndifferentismus, und er zieh mich des Widerspruchsmit meinen politischen Grundsätzen. Daß ich es nie der Mühe werthielt, letztere mit ihm zu diskutieren, versteht sich von selbst; undals er einst auch in meinen Schriften einen Widerspruch entdeckthaben wollte, begnügte ich mich mit der ironischen Antwort:Sicirren sich, Liebster, dergleichen findet sich nie in meinen Büchern,denn jedesmal ehe ich schreibe, Pflege ich vorher meine politischenGrundsätze in meine» früheren Schriften wieder nachzulesen, damitich mir nicht widerspreche und man mir keinen Abfall von meinenliberalen Prinzipien vorwerfen könne." Aber nicht bloß beim Essen,sondern sogar in meiner Nachtruhe inkommodierte mich Börne mitseiner patriotischen Exaltation. Er kam einmal um Mitternacht zumir heraufgestiegen in meine Wohnung, weckte mich aus dem süßestenSchlaf, setzte sich vor mein Bett, und jammerte eine ganze Stundeüber die Leiden des deutschen Volkes, und über die Schändlichkcitender deutschen Regierungen, und wie die Russen für Deutschland sogefährlich seien, und wie er sich vorgenommen habe, zur RettungDeutschlands gegen den Kaiser Nikolas zu schreiben und gegen dieFürsten, die das Volk so mißhandelten, und gegen den Bundestag ...