1g4 Novellistische Fragmente.
Und in der That, wir müssen dieser Ansicht Glauben schenken, wennwir vernehmen, mit welcher Hingebung die Dame in bitterer Zeitan Börne festhielt, wie sie ihm ihr ganzes Leben weihte, und wiesie seht, nach seinem Tode, in trostlosem Kummer verharrt, sich inder Einsamkeit nur noch mit dem Verstorbenen beschäftigend. Un-streitbar herrschte zwischen beiden die innigste Znncignng, aber währenddas Publikum zweifelhaft war, welche sinnliche Thatsachen darausentsprungen sein möchten, überraschte uns einst die plötzliche Nach-richt, daß Madame Wohl sich nicht mit Börne, sondern mit einemjungen Kaufmann aus Frankfurt vermählt habe , . , Die Ver-wunderung hierüber ward noch dadurch gesteigert, daß die Neu-vermählte nebst ihrem Gatten hierherkam, mit Börne ein und dieselbeWohnung bezog, und alle drei einen einzigen Haushalt bildeten. Ja,es hieß, der junge Gatte habe die Frau nur deshalb geheiratet, ummit Börne in nähere Berührung zu kommen, er habe sich ausbedungcn,daß zwischen beiden daS frühere Verhältnis unverändert fortwalte.Wie man mir sagt, spielte er im Hause nur die dienende Person,verrichtete die roheren Geschäfte und ward ein sehr nützlicher Lauf-bursche für Börne, mit dessen Ruhm er hausieren ging und gegendessen Gegner er unerbittlich Gift und Galle geiferte.
In der That, jener Gatte der Madame Wohl gehört nicht zuder guten Sorte, die mit der Toleranz in der Ehe eine gewisse Harm-losigkeit verbindet, und dadurch allen Spott entwaffnet. Nein, ererinnerte vielmehr an jene böse Gattung, wovon in den indischen Ge-schichten des Ktesias Erwähnung geschieht. Dieser Autor berichtetnämlich: in Indien gäbe es gehörnte Esel, und während alle andereEsel gar keine Galle haben, hätten jene gehörnten Esel einen solchenÜberfluß an Galle, daß ihr Fleisch dadurch ganz bitter schmecke.
Ich hoffe es wird niemand mißdeuten, weshalb ich obige Parti-kularitätcn aus Börnes Privatleben hervorhebe, Sie sollen nurzeigen, daß es noch ganz besondere Mißstände gab, die mir gebotenmich von ihm entfernt zu halten. Das ganze Reinlichkeitsgefühlmeiner Seele sträubte sich in mir bei dein Gedanken, mit seinernächsten Hingebung in die mindeste Berührung zu geraten, Soll ichdie Wahrheit gestehen, so sah ich in Börnes Haushalt eine Jmmoralität,die mich anwiderte. Dieses Geständnis mag befremdlich klingen imMunde eines Mannes, der nie im Zelotengcschrei sogenannter Sitte»Prediger einstimmte und selber hinlänglich von ihnen verketzert wurde.Verdiente ich wirklich diese Berketzcruugcnh Nach tiefster Selbst-Prüfung kann ich mir das Zeugnis geben, daß niemals meine Ge-danken und Handlungen in Widerspruch ge> aten mit der Moral, mitjener Moral, die meiner Seele eingeboren, die vielleicht meine Seeleselbst ist, die beseelende Seele meines Lebens, Ich gehorche fastpassiv einer sittlichen Notwendigkeit, und mache deshalb keine Ansprüche