Heinrich Heine über Ludwig Börne. 133
balanciere, ob der Liebesblickc, die mir die jungen Dirnen zuwerfen,und die ich vielleicht mit etwas Koketterie erwidere!
Der Umgebung Börnes mag ebenfalls vieles von den angedeutetenVcrirruugcu zur Last fallen; er ward von den lieben Getreuen zumancher schlimmen Äußerung angestachelt, und das mündlich Ge-äußerte ward noch bösartiger aufgestützt und zu wunderlichen Privatzwecken verarbeitet. Bei all seinem Mißtrauen war er leicht zubetrügen, er ahnte nie, daß er ganz fremden Leidenschaften dienteund nicht selten sogar den Einflüsterungen seiner Gegner gehorchte.Man versichert mir, einige von den Spionen, die für Rechnung ge-wisser Regierungen hier herumschnüffeln, wußten sich so patriotischzu gebärden, daß Börne ihnen sein ganzes Vertrauen schenkte undTag und Nacht mit ihnen zusammenhockte und konspirierte.
Und doch wußte er, daß er von Spionen umgeben war, undeinst sagte er mir! „Da geht beständig ein Kerl hinter mir her, dermich auf allen Straßen verfolgt, vor allen Häusern stehen bleibt, woich hineingehe und gewiß von irgend einer Regierung teuer dafürbezahlt wird. Wüßte ich nur, welche Regierung, ich würde ihrschreiben, daß ich das Geld selbst verdienen mochte, daß ich selberihr täglich einen gewissenhaften Rapport abstatten wolle, wie ich denganzen Tag zugebracht, mit wem ich gesprochen, wohin ich gegangen —ja, ich bin crbötig, diesen Rapport zu weit wohlfeilerem Preise, jafür die Hälfte des Geldes zu liefern, das dieser Kerl, der beständighinter mir eiuhergeht, sich zahlen läßt; denn ich muß ja alle dieseGänge ohnedies machen. Ich könnte vielleicht davon leben, daß ichmein eigener Spion werde."
Einen großen, vielleicht den größten Einfluß übte damals aufBörne die sogenannte Madame Wohl, eine bereits in diesen Blätternerwähnte zweideutige Dame, wovon man nicht genau wußte, zuwelchem Titel ihr Verhältnis zu Börne sie berechtigte, ob sie seineGeliebte oder bloß seine Gattin. Die nächsten Freunde behauptetenlange Zeit steif und fest, daß Madame Wohl ihm heimlich angetrautsei und eines frühen Morgens als Frau Doktorin Börne ihre Auf-wartung machen werde. Ändere meinten, es herrsche zwischen beidennur eine platonische Liebe, wie einst zwischen Messer Fraucesko undMadonna Laura, und sie fanden gewiß auch eine große Ähnlichkeitzwischen Petrarchas Sonetten und Börnes Pariser Briefen. Letzterewaren nämlich nicht an eine erdichtete Lustgestalt, sondern an MadameWohl gerichtet, was gewiß zu ihrem Werte beitrug, indem es ihnenjene bestimmte Physiognomie und jenes Individuelle erteilte, waSkeine Kunst nachahmen kann. Wenn sich in Briefen nicht bloß derCharakter des Schreibers, sondern auch des Empfängers abspiegelt,so ist Madame Wohl eine höchst respektable Person, die für Freiheitund Menschenrechte glüht, ein Wesen voll Gemüt, voll Begeisterung ...
Heiue'S Werte. XI. Bd. 13