186 Novellistische Fragmente,
worden. Aber das freut mich ebenfalls, das ist gut, daS gicdt mirHoffnung, Auch wir, und das ist gut, auch wir haben Spitzbubenunter uuS, und werden daher desto leichter reüssieren. Da ist derverwünschte Kerl von Mvntesguieu, welcher uns eingeredet hatte, dieTugend sei das Prinzip der Republikaner! und ich ängstigte michschon, das; unsere Partei ans lauter ehrlichen Leuten bestehen unddeshalb nichts ausrichten würde. Es ist durchaus nötig, daß wir,ebensogut wie unsere Feinde, auch Spitzbuben unter uns haben. Ichhätte gern den Patrioten entdeckt, der mir zu Hambach meine Uhrgemaust; ich würde ihm, wenn wir zur Regierung koiniucn, sogleichdie Polizei übertragen und die Diplomatie, Ich kriege ihn aberheraus, den Dieb, Ich werde nämlich im „Hamburger Korrespon-denten" annoncieren, daß ich dem ehrlichen Finder meiner Uhr dieSumme von hundert Louisdvr auszahle. Die Uhr ist es wert, schon alsKuriosität — eS ist nämlich die erste Uhr, welche die deutsche Freiheitgestohlen hat. Ja, auch wir, Gcrinanicns Söhne, wir erwachen ansunserer schläfrigen Ehrlichkeit , , , Tyrannen zittert, wir stehlen auch!"
Der arme Börne konnte nicht aufhören, von Hambach zu redenund von dem Pläsier, das er dort genossen. Es war, als ob erahnte, daß er zum letztenmal in Deutschland gewesen, zum letzten-mal deutsche Luft geatmet, deutsche Dummheiten eingesogen mitdurstigen Ohren — „Ach!" seufzte er, „wie der Wanderer im Sommernach einem Labetrnnk schmachtet, so schmachte ich manchmal nachjenen frischen, erquicklichen Dummheiten, wie sie nur auf dem Bodenunseres Vaterlandes gedeihen. Diese sind so tiefsinnig, so melancholischlustig, daß einem das Herz dabei jauchzt. Hier bei den Franzosensind die Dummheiten so trocken, so oberflächlich, so vernünftig, daßsie für jemand, der an besseres gewohnt, ganz ungenießbar sind. Ichwerde deshalb in Frankreich täglich vergrämter und bitterer, und sterbeam Ende, Das Exil ist eine schreckliche Sache, Komme ich einst inden Himmel, ich werde mich gewiß auch dort unglücklich fühlen, unterden Engeln, die so schön singen und so gut riechen , , , sie sprechenja kein Deutsch und rauchen keinen Knaster , , , Nur im Vaterlandist mir wohl! Vaterlandsliebe! Ich lache über dieses Wort imMunde von Leuten, die nie im Exil gelebt , , , Sic könnten ebensogut von Milchbreilicbe sprechen, Milchbreilicbe! In einer afrikauischen Sandwüste hat das Wort schon seine Bedeutung, Wenn ichje so glücklich bin, wieder nach dem lieben Deutschland zurückznkehren,so nennen Sie mich einen Schurken, wenn ich dort gegen irgendeinen Schriftsteller schreibe, der im Exile lebt. Wäre nicht die Furchtvor den Schändlichkeiten, die man einen im Gefängnis aussagen läßt,ich wäre nicht mehr fortgegangen, hätte mich ruhig festsetzen lassen,wie der brave Wirt und die andern, denen ich ihr Schicksal voraus-sagte, ja, dcucu ich alles voraussagte, wie ich es im Traum gesehen ..