180 Novellistische Fragmente.
sondern ans Mitleid, ans Sentimentalität, aus Rührung für unserearmen Gastfreunde, die Polen. Thatsüchtig schlugen unsere Herzen,wenn diese uns am Kamin erzählten, wieviel sie ausgestanden vonden Russen, wieviel Elend, wieviel Knutenschläge . . . bei denSchlägen horchten wir noch sympathetischer, denn eine geheime Ahnungsagte unS, die russischen Schläge, welche jene Polen bereits empfangen,seien dieselben, die wir in der Zukunft noch zu bekommen haben. Diedeutschen Mutter schlugen angstvoll die Hände über de» Kopf, alssie hörten, daß der Kaiser Nikolas, der Menschenfresser, alle Mvrgendrei kleine Polcnkindcr verspeise, ganz roh, mit Essig und Öl. Aberam tiefsten erschüttert waren unsere Jungfrauen, wenn sie im Mond-schein au der Heldcnbrnst der polnischen Märtyrer lagen, und mitihnen jammerten und weinten über den Fall von Warschau und denSieg der russischen Barbaren . . . Das waren keine frivolen Franzosen,die bei solchen Gelegenheiten nur schäkerten und lachten . . . nein,diese larmvyantcn Schnnrrbürte gaben auch etwas fürs Herz, siehatten Gemüt, und nichts gleicht der holden Schwärmerei, womitdeutsche Mädchen und Frauen ihre Bräutigame und Gatten be-schworen, so schnell als möglich eine Revolution zu machen . . .zum Besten der Polen.
Eine Revolution ist ein Unglück, aber ein noch größeres Unglückist eine verunglückte Revolution; und mit einer solchen bedrohte/insdie Einwanderung jener nordischen Freunde, die in unsere Angelegen-heiten alle jene Verwirrung und Unzuverlässigkeit gebracht hätten,wodurch sie selber daheim zu Grunde gegangen. Ihre Einmischungwäre uns um so verderblicher geworden/da die deutsche Unerfahren-heit sich von den Ratschlägen jener kleinen polnischen Schlauheit, diesich für politische Einsicht ausgicbt, gern leiten ließ, nnd gar diedeutsche Bescheidenheit, bestochen von jener flinken Ritterlichkeit, dieden Polen eigen ist, diesen letzteren die wichtigsten Führerstellcn ver-traut hätte. — Ich habe mich damals in dieser Beziehung über diePopularität der Polen nicht wenig geängstigt. Es hat sich vielesseitdem geändert, nnd gar für die Zukunft, für die deutschen Frei-heitsinteressen einer späteren Zeit, braucht man die Popularität derPolen wenig zu fürchten.*) Ach nein, wenn einst Deutschland sichwieder rüttelt, und diese Zeit wird dennoch kommen, dann werdendie Polen kaum noch dem Namen nach existieren, sie werden ganzmit den Russen verschmolzen sein, und als solche werden wir uns
Dieser Sah lautete in dem mir vorliegenden Originalmanuskripte ur-sprünglich, mie folgt: „So sehr ich die Polen liebe, so sehr mich auch die innigstenFreundschaftsgefühle zu ihnen hinziehen, so sehr ich sie anch in gesellschaftlichenBezügen achte und wertschätze, so konnte ich doch obige Bemerkung nimmermehrverschweigen. Nicht als ob ich die Popularität der Polen für die Zukunft, für diedeutschen Freiheitsinteressen einer späteren Periode gefährlich hielte, ach nein! ?c."