gesehen und sie eingeholt. So aber bin ich der Perpendikel einerbürgerlichen Stnbennhr geworden, schweifte rechts, schweifte links ansund mußte immer zur Mitte zurückkehren."
Dieses schrieb Börne den 2V. März 1831. Wie über andere,hat er auch über sich selber schlecht prophezeit. Die bürgerlicheStnbennhr wurde eine Sturmglocke, deren Geläute Angst und Schreckenverbreitete. Ich habe bereits gezeigt, welche ungestüme Glöckner anden Strängen rissen, ich habe angedeutet, wie Börne den zeitgenossen-jchafllichen Passionen als Organ diente und seine Schriften nicht alsdaS Produkt eines Einzelnen, sondern als Dokument unserer politischenSturm- und Drangpcriode betrachtet werden müssen. WaS in jenerPeriode sich besonders geltend machte und die Gärung bis zumkochenden Sud steigerte, waren die polnischen und rheinbayrischenVorgänge, und diese haben auf den Geist Börnes den mächtigstenEinfluß geübt. Ebenso glühend wie einseitig war sein Enthusiasmusfür die Sache Polens, und als dieses mutige Land unterlag, trotzder wnnderbarstcn Tapferkeit seiner Helden, da brachen bei Börnealle Dämme der Geduld und Vernunft. Das ungeheuere Schicksalso vieler edlen Märtyrer der Freiheit, die, in langen TrauerzügenDeutschland durchwandernd, sich in Paris versammelten, war in derThat geeignet, ein edel gefühlvolles Herz bis in seine Tiefen zu be-wegen. Aber was brauch' ich dich, teurer Leser, an diese Betrüb-nisse zu erinnern, du hast in Deutschland den Durchzug der Polenmit eigenen thränendcn Augen angesehen, und du weißt, wie dasruhige, stille deutsche Volk, das die eigenen Landcsnöten so geduldigerträgt, bei dem Anblick der unglücklichen Sarmatcn von Mitleidund Zorn so gewaltig erschüttert wurde und so sehr außer Fassungkam, daß wir nahe daran waren, für jene Fremden das zu thnn,was nur nimmcrmehr für uns selber thäten, nämlich die heiligenUnterthanspftichlcn beiseite zu setzen und eine Revolution zu machen ...zum Besten der Polen.
Ja, mehr als alle obrigkeitlichen Plackereien und demagogischenSchriften hat der Durchzug der Polen den deutschen Blichet revolutio-niert, und es war ein großer Fehler der respektive» deutschen Re-gierungen, daß sie jenen Durchzug in der bekannten Weise gestatteten.Der größere Fehler freilich bestand darin, daß sie die Polen nichtlängere Zeit in Deutschland verweilen ließen; denn diese Ritter derFreiheit hätten bei verlängertem Ausenthalt jene bedenkliche, höchstbedrohliche «ympathic, die sie den Deutschen einflößten, selber wiederzerstört. Aber sie zogen rasch durchs Land, hatten keine Zeit, durchDichtung und Wahrheit einer den andern zu diskreditieren, und siehinterließen die staatsgefährlichste Aufregung.
Ja, wir Deutschen waren nahe daran, eine Revolution zuinachen, und zwar nicht ans Zorn und Not, wie andere Völker,
12*