Druckschrift 
11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
174
Einzelbild herunterladen
 

174 Novellistische Fragmente.

jetzt deutsche Knechtschaft eingesetzt, und auf der Nkropolis von Athenstießt bayerisches Bier und herrscht der bayerische Stock . . . Ja, esist erschrecklich, daß der König von Bayern, dieser kleine Tyrannosund schlechte Poet, seinen Sohn ans den Thron jenes Landes setzendurste, wo einst die Freiheit und die Dichtkunst geblüht, jenes Landes,wo es eine Ebene gicbt, welche Marathon, und einen Berg, welcherParnaß heißt! Ich kann nicht daran denken, ohne daß mir dasGehirn . . . Wie ich in der heutigen Zeitung gelesen, haben wiederdrei Studenten in München vor dem Bilde des Königs Ludwigniederknien und Abbitte thnn müssen. Niederknien vor dem Bildeeines Menschen, der noch dazu ein schlechter Poet ist! Wenn ich ihnin meiner Macht hatte, dieser schlechte Dichter sollte niederknien vordem Bilde der Musen und Abbitte thun wegen seiner schlechten Verse,wegen beleidigter Majestät der Poesie! Sprecht mir jetzt noch vonrömischen Kaisern, welche so viel Taufende von Christen hinrichtenließen, weil diese nicht vor ihrem Bilde knien wollten . . . JeneTyrannen waren wenigstens Herren der ganzen Welt von Aufgangbis zum Niedergang, und wie wir an ihren Statuen noch heute sehen,wenn auch keine Götter, so waren sie doch schöne Menschen. Manbeugt sich am Ende leicht vor Macht und Schönheit. Aber nieder-knien vor Ohnmacht und Häßlichkeit, vor einem süddeutschen Winkel-despötchen, welches aussieht wie ein"

Es bedarf wohl keines besonderen Winkes für den scharf-sinnigen Leser, aus welchen Gründen ich den Frevler nicht weitersprechen lasse. Ich glaube, die angeführten Phrasen sind hinreichend,um die damalige Stimmung des Mannes zu bekunden; sie war imEinklang mit dem hitzigen Treiben jener deutschen Tumültunnten, dieseit der Juliusrevolntion in wilden Schwärmen nach Paris kamenund sich schon gleich um Börne sammelten. Es ist kaum zu begreifen, wie dieser sonst so gescheite Kopf sich von der rohestcu Tob-sucht beschwatzen und zu den gewaltsamsten Hoffnungen verleitenlassen konnte! Zunächst geriet er in den Kreis jenes Wahnsinnes,als dessen Mittelpunkt der berühmte Buchhändler F. zu betrachten,war. Dieser F., man sollte es kaum glauben, war ganz der Manunach dem Herzen Börnes. Die rote Wut, die in der Brust des einenkochte, das dreitägige Juliusficbcr, das die Glieder des einen rüttelte,der jakobinische Veitstanz, worin der eine sich drehte, fand den entsprechenden Ausdruck in den Pariser Briefen deS andern. Mit dieserBemerkung will ich aber nur einen Gcistesirrtnm, keineswegs einenHerzensirrtum andeuten, bei dem einen wie bei dein andern. Dennauch F. meinte es gut mit dem deutschen Vatcrlandc, er war auf-richtig, heldenmütig, jeder Selbstvpfernng fähig, jedenfalls ein ehrlicherMann, und zu solchem Zeugnis glaube ich mich um so mehr derpflichtet, da, seit er in strenger Haft schweigen muß, die servile Ver-