Heinrich Heine über Ludwig Börne. 171
erschreckt. Ich war überrascht von diesem ultraradikalcn Tone, denich am wenigsten von Börne erwartete. Der Mann, der sich inseiner anständigen, geschniegelten Schreibart immer selbst inspizierteund kontrollierte, und der jede Silbe, ehe er sie niederschrieb, vorherabwog und abmaß . . . der Mann, der in seinem Stile immer etwasbeibehielt von der Gewöhnung seines reichsstädtischen Spießbürger-tums, wo nicht gar von den Ängstlichkeiten seines früheren Amtes ...der ehemalige Pvlizeiaktnar von Frankfurt am Main stürzte sich jetztin einen Sanscnlottismns des Gedankens und des Ausdrucks, wieman dergleichen in Deutschland noch nie erlebt hat. Himmel! welcheentsetzliche Wortfügungen; welche hochverräterische Zeitwörter! welchemajestätsverbrecherischc Nccnsativc! welche Imperative! welche polizei-widrige Fragezeichen! welche Metaphern, deren bloßer Schatten schonzu zwanzig Jahren FestnngSstrafc berechtigte! Aber trotz des Grauens,das mir jene Briefe einflößten, weckten sie in mir eine Erinnerung,die sehr komischer Art, die mich fast bis zum Lachen erheiterte, unddie ich hier durchaus nicht verschweigen kann. Ich gestehe es, dieganze Erscheinung Börnes, wie sie sich in jenen Briefen offenbarte,erinnerte mich an den alten Polizeivogt, der, als ich ein kleinerKnabe war, in meiner Vaterstadt regierte. Ich sage : regierte, da er,mit unumschränktem Stock die öffentliche Rulle verwaltend, uns kleinenBuben einen ganz majestätischen Respekt einflößte und uns schondurch seinen bloßen Anblick gleich auseinander jagte, wenn wir ansder Straße gar zu lärmige Spiele trieben. Dieser Polizeivogt wurdeplötzlich wahnsinnig und bildete sich ein, er sei ein kleiner Gassen-junge, und zu unserer unheimlichsten Verwunderung sahen wir, wieer, der allmächtige Straßcnbeherrscher, statt Ruhe zu stiften, uns zudem lautesten Unfug aufforderte. „Ihr seid viel zu zahm," rief er,„ich aber will euch zeigen, wie man Spektakel machen muß!" Unddabei fing er an, wie ein Löwe zu brüllen oder wie ein Kater zumiauen, und er klingelte an den Häusern, daß die Thürglocke abriß,und er warf Steine gegen die klirrenden Fenstcrschest'cn, immerschreiend: „Ich will euch lehren, Jnngens, wie man Spektakel macht!"Wir kleinen Buben amüsierten uns sehr über den Alten und liefenjubelnd hinter ihm drein, bis man ihn ins Irrenhaus abführte.
Während der Lektüre der Börneschen Briefe dachte ich wahrhaftigimmer an den alten Polizeivogt, und mir war oft, als hörte ich wiederseine Stimme: „Ich will euch lehren, wie man Spektakel macht!"
In den mündlichen Gesprächen Börnes war die Steigerungseines politischen Wahnsinns minder auffallend, da sie im Zusammen-hang blieb mit den Leidenschaften, die in seiner nächsten Umgebungwüteten, sich beständig schlagfertig hielten und nicht selten auch thalsächlich zuschlugen. Als ich Börne zum zweiten Male besuchte, in derNue de Provence, Ivo er sich definitiv einquartiert hatte, fand ich in