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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
165
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Heinrich Heine über Ludwig Börne. 1l>5

aussparen? Ich prophezeie nicht gern, und ich halte es für ni'ch-licher, von der Vergangenheit zu berichten, in welcher die Zukunftsich spiegelt.^)

Ich trug Bedenken, eine größere Anzahl dieser Briefe mitznteilen, da in den nächstfolgenden der zeitliche Freiheitsrausch allzuungestüm über alle Polizeiverordnnngen hinaustauinelte, währendspäterhin allzu ernüchterte Betrachtungen eintreten und das enttäuschte Herz in mutlose, verzagende und verzweifelnde Gedanken sichverliert? Schon die ersten Tage meiner Ankunft in der Hauptstadtder Revolution merkte ich, daß die Dinge in der Wirklichkeit ganzandere Farben trugen, als ihnen die Lichteffekte meiner Begeisterungin der Ferne geliehen hatten. Das Silberhaar, das ich um dieSchulter Lafayettes, des Helden beider Welten, so majestätisch flatternsah, verwandelte sich bei näherer Betrachtung in eine braune Perücke,die einen engen Schädel kläglich bedeckte. Und gar der Hund Medor,

*) Der Schluß der französischen Vorrede lautet von hier an, wie folgt: Ichhoffe daher, daß die Mitteilung der nachstehenden Briefe sich von selbst rechtfertigenwird. Ich habe sie in ihrer ursprünglichen Gestalt abgedruckt, obschvn manchekleine Unrichtigkeiten, die sich darin vorfinden, hin und wieder eine Naivität ver-raten , welche dem französischen Leser ein Lächeln auf Kosten des deutschen Neu-lings abdringen mag. Ich ließ dem General Lafahette sein wallendes Silberhaar,obschon ich einige Zeit nachher, als ich die Ehre hatte, Herrn de Lafahette inParis zu begegnen, jene Silberlocken höchst prosaisch in eine braune Perücke ver-wandelt sah; aber der biedere General hatte darum nicht minder ein ehrwürdigesAussehen, und trotz seiner modern spießbürgerlichen Kleidung erkannte man inihm den großen Ritter ohne Fnrchr und Tadel, den Bayard der Freiheit. Gleichnach meiner Ankunft in Paris wollte ich auch die Bekanntschaft des Hundes Medormachen; allein dieser entsprach durchaus nicht meiner Erwartung. Ich sah nurein häßliches Tier, in dessen Blick keine Spur von Begeisterung lag; es blinzeltedarin sogar etwas Schielend-Falsches, etwas Verschlagen-Eigennütziges, ja, ichmöchte sagen: etwas Industrielles. Ein junger Mann, ein Student, 'den ich dorttraf, sagte mir, es sei gar nicht der rechte Medor, sondern ein intriganter Pudel,ein Hund aus späterer Zeit (uu owisv cM Isuclomain), der sich füttern und Pflegenlasse und den Ruhm des wahren Medor exploitiere, während dieser nach dem Todeseines Herrn bescheiden davongeschlichen, wie das Volk, das die Revolution ge-macht.Der arme Medor," fügte der Student hinzu,irrt jetzt vielleicht inParis umher, hungernd und obdachlos, wie mancher andere Juliheld; denn dasSprichwort, welches besagt, ein guter Hund finde nie einen guten Knochen, ist hierin Frankreich von betrübsamer Wahrheit, man unterhält hier in warmenStällen und füttert mit dem besten Fleisch eine Meute von Bulldoggen, Jagd-hunden und andern aristokratischen Vierfüßlern; auf seidenen Kissen, wohl-gekämmt und Parfümiert, und mit Zuckerbrot gesättigt, sehen Sie den Wachtel-hund oder das kleine Windspiel ruhen, die jeden ehrlichen Menschen anbellen, aberder Herrin des Hauses zu schmeicheln wissen, und zuweiten selbst eingeweiht sindin menschliche Laster. Ach, solche schlechte, unmoralische Bestien gedeihen in unsererGesellschaft, während jeder tugendhafte Hund, jeder Wahrheits und Natnrköter(tont ewion clo In vsritä et cle In nntm-s), der seinen Überzeugungen treu bleibt,elendiglich umkommt, und rändig mit Ungeziefer bedeckt, ans einein Misthaufenkrepiert!" So sprach der Student, der mir wegen seiner hohen Politischen An-schauungsart sehr gefiel. Es begann just zu regnen, und da er keinen Schirmhatte, nahm ich ihn unter den meinen während der Wegesstrecke, die wir mit-einander zurücklegten." Der Herausgeber.