Heinrich Heine über Ludwig Börne. 167
brav! Ich bin überzeugt, die Guten, die es am besten meinen, werdenalle bald hier sein. Hier ist der Konvent der Patrioten von ganzEuropa, und zu dem großen Werke müssen sich alle Völker die Händereichen. Sämtliche Fürsten müssen in ihren eigenen Ländern be-schäftigt werden, damit sie nicht in Gemeinschaft die Freiheit in Deutsch-land unterdrücken. Ach Gott! Ach Deutschland! Es wird bald sehrbetrübt bei uns aussehen und sehr blutig. Revolutionen sind eineschreckliche Sache, aber sie sind notwendig, wie Amputationen, wennirgend ein Glied in Fäulnis geraten. Da muß man schnell zuschneiden,und ohne ängstliches Innehalten. Jede Verzögerung bringt Gefahr,und wer aus Mitleid oder aus Schrecken, beim Anblick des vielenBlutes, die Operation nur zur Hälfte verrichtet, der handelt gran-samer, als der schlimmste Wüterich. Hol' der Henker alle weichherzigenChirurgen und ihre Halbheit! Marat hatte ganz recht — II bautkairs saig-nsr Is Asnrs Irumaiu, und hätte man ihm die 360,ODO Köpfebewilligt, die er verlangte, so wären Millionen der besseren Menschennicht zu Grunde gegangen, und die Welt wäre ans immer von demalten Abel geheilt!"
„Die Republik," — ich lasse den Mann anSreden, mit Über-gehnng mancher schnörkelhaften Absprünge, — „die Republik mußdurchgesetzt werden. Nur die Republik kann uns retten. Der Henkerhole die sogenannten konstitutionellen Verfassungen, wovon unseredeutschen Kammcrschwätzer alles Heil erwarten. Konstitntionen ver-halten sich zur Freiheit, wie positive Religionen zur Natnrrcligion;sie werden durch ihr stabiles Element ebensoviel Unheil anrichten, wiejene positiven Religionen, die, für einen gewissen Geisteszustand desVolkes berechnet, im Anfang sogar diesem Geisteszustand überlegensind, aber späterhin sehr lästig werden, wenn der Geist dcS Volkesdie Satzung überflügelt. Die Konstitutionen entsprechen einem politi-schen Zustand, wo die Bevorrechteten von ihren Rechten einige ab-geben, und die armen Menschen, die früher ganz zurückgesetzt waren,plötzlich jauchzen, daß sie ebenfalls Rechte erlangt haben . . . Aberdiese Freude hört ans, sobald die Menschen durch ihren freieren Zn-stand für die Idee einer vollständigen, ganz ungeschmälerten, ganzgleichheitlichen Freiheit empfänglich geworden sind; was uns heutedie herrlichste Requisition dünkt, wird unfern Enkeln als ein kümmer-liches Abfinden erscheinen, und das geringste Borrecht, das die ehe-malige Aristokratie noch behielt, vielleicht das Recht, ihre Röcke mitPetersilie zu schmücken, wird alsdann ebensoviel Bitterkeit erregen,wie einst die härteste Leibeigenschaft, ja, eine noch tiefere Bitterkeit,da die Aristokratie mit ihrem letzten Petersilien-Vorrecht um so hoch-mütiger prunken wird! . . . Nur die Natnrreligion, nur die Republikkann uns retten. Aber die letzten Reste des alten Regiments müssenvernichtet werden, ehe wir daran denken können, das neue bessere