164 Novellistische Fragmente.
hauch bewegte den friedlichen Wettcrhnhn auf unseren frommen Kirch-türmen. Hoch oben auf einem einsamen Felsen saß ein Sturmvogel;aber er ließ schläfrig sein Gefieder hängen und schien selbst zn glauben,baß er sich getäuscht habe, und daß sobald kein Orkan losbrechen»verde. Er war recht traurig und fast mutlos geworden, er, welcherkurz vorher so mächtig und geräuschvoll die Lüfte durchflogen unddem guten Deutschland alle möglichen Stürme verkündet. — Plötzlichzuckte im Westen ein Blitz über den Himmel, ein Donnerschlag folgteund ein schreckliches Krachen, als wäre daS Ende der Welt erschienen. —Bald kamen in der That die Berichte von der großen Katastrophe,von den drei Tagen zn Paris, wo abermals die Sturmglocke desVolkszornes erscholl. Man glaubte schon in der Ferne die Trompetedes jüngsten Gerichts zn vernehmen. Alles schien das Hereinbrechenjenes Weltunterganges zu weissagen, wovon die nordischen Skaldeneinst mit Zittern und Zähneklappern gesungen; ja man hätte glaubenkönnen, schon den riesigen Fenriswolf seinen greulichen Rachen öffnenzu sehen, um ans einmal den Mond zu verschlingen, wie es die furcht-baren allitteriercnden Verse der Edda uns verkündigt. Er verschlangihn aber doch nicht, und der gute deutsche Mond leuchtet noch bisans diese Stunde so still und so zärtlich, wie in den Tagen WertherSund Lottens, empfindsamen Angedenkens.
Zwischen meinem ersten und meinem zweiten Begegnis mitLudwig Börne liegt jene Juliusrevolution, welche unsere Zeit gleich-sam in zwei Hälften auseinander sprengte. Die vorstehenden Briefemögen Kunde geben von der Stimmung, in welcher mich die großeBegebenheit antraf, und in gegenwärtiger Denkschrift sollen sie alsvermittelnde Brücke dienen, zwischen dem ersten und dritten Buche.Der llbergang wäre sonst zu schroff. Außerdem mögen sie als ge-eignetes Dokument von der Stimmung zeugen, welche bei dem Ein-treffen jenes Ereignisses in Deutschland herrschte, Ivo die trübseligsteEntmutigung und Niedergeschlagenheit sofort in das enthusiastischeVertrauen auf die Zukunft überging. Alle Bäume der Hoffnungbegannen wieder zu grünen, und selbst die verkrüppeltsten Stämme,welche längst verdorret waren, trieben neues Laub. Seit Luther aufdem Reichstage zu Worms seine Thesen vor dem versammelten Reicheverteidigte, hat keine Begebenheit mein deutsches Vaterland so tiefaufgeregt, wie die Juliusrevolution. Diese Aufregung ward freilichspäter ein wenig gedämpft, aber sie erwachte wieder im Jahre 1846,und seitdem glomm das Feuer beständig unter der Asche fort, bis imFebruar 1848 die Flammen der Revolution aufs neue im allgemeinenBrande cmpvrschlugen. Gegenwärtig sind die alten Löschmänner derheiligen Alliance mit ihrem alten staatSretterischcn Apparat auf dieBühne zurückgekehrt, aber es zeigt sich gleichfalls schon zu dieserStunde ihre Unzulänglichkeit. Was mag das Schicksal den Deutscheu