Heinrich Heine über Ludwig Börne. 1S9
gewickelten Sonnenstrahlen ist mir einer ins Gehirn geflogen, nndalle ineine Gedanken brennen lichterloh. Vergebens tauche ich denKopf in die See. Kein Wasser löscht dieses griechische Feuer. Aberes geht den andern nicht viel besser. Auch die übrigen Badegästetraf der Pariser Sonnenstich, znmal die Berliner, die dieses Jahrin großer Anzahl hier befindlich nnd von einer Insel zur andernkreuzen, so daß man sagen konnte, die ganze Nordsee sei überschwemmtvon Berlinern. Sogar die armen Helgoländer jubeln vor Freude,obgleich sie die Ereignisse nur instinktmäßig begreifen. Der Fischer,welcher mich gestern nach der kleinen Sandinsel, wo man badet, über-fuhr, lachte mich an mit den Worten: „Die armen Leute haben ge-siegt!" Ja, mit seinein Instinkt begreift das Volk die Ereignisse viel-leicht besser, als wir mit allen unseren Hilfskenntnissen. So erzähltemir einst Frau von Varnhagen, als man den Ausgang der Schlachtbei Leipzig noch nicht wußte, sei plötzlich die Magd l»S Zimmer ge-stürzt mit dem Angstschrei: „Der Adel hat gewonnen."
Diesmal haben die armen Leute den Sieg erfochten. „Aber esHilst ihnen nichts, wenn sie nicht auch das Erbrecht besiegen!" DieseWorte sprach der ostprenßische Jnstizrat in einem Tone, der nur sehrauffiel. Ich weiß nicht, warum diese Worte, die ich nicht begreife,mir so beängstigend im Gedächtnis bleiben. Was will er damitsagen, der trockene Kauz?
Diesen Morgen ist wieder ein Paket Zeitungen angekommen.Ich verschlinge sie wie Manna. Ein Kind, wie ich bin, beschäftigenmich die rührenden Einzelheiten noch weit mehr, als das bedentnngs-volle Ganze. O, könnte ich nur den Hnnd Medor sehen! Dieserinteressiert mich weit mehr, als die andern, die dem Philipp vonOrleans mit schnellen Sprüngen die Krone appvrtiert haben. DerHnnd Medor apporticrte seinem Herrn Flinte und Patronentasche,nnd als sein Herr fiel und samt seinen Mithelden ans dem Hofe desLouvre begraben wurde, da blieb der arme Hund, wie ein Steinbildder Treue, regungslos ans dem Grabe sitzen, Tag nnd Nacht, vonden Speisen, die man ihm bot, nur wenig genießend, den größtenTheil derselben in die Erde verscharrend, vielleicht als Atzung fürseinen begrabenen Herrn!
Ich kann gar nicht mehr schlafen, und durch den überreiztenGeist jagen die bizarrsten Nachtgesichter. Wachende Tränine, die über-einander hinstolpern, so daß die Gestalten sich abenteuerlich vermischen,nnd, wie im chinesischen Schattenspiel, sich jetzt zwerghaft verkürzen,dann wieder gigantisch verlängern; zum Verrücktwerden. In diesemZustande ist mir manchmal zu Sinne, als ob meine eigenen Gliederebenfalls sich kolossal ausdehnten und daß ich, wie mit ungeheuerlangen Beinen, von Deutschland nach Frankreich nnd wieder zurück-liefe. Ja, ich erinnere mich, vorige Nacht lief ich solchermaßen durch