Druckschrift 
11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
156
Einzelbild herunterladen
 

1S6

Novellistische Fragmente,

Ich wandelte einsam am Strand in der Abenddämmerung.RingSum herrschte feierliche Stille, Der hochgewölbte Himmel glichder Kuppel einer gotischen Kirche, Wie unzählige Lampen, hingendarin die Sterne; aber sie brannten düster und zitternd. Wie eineWasserorgcl rauschten die MeereSwellen; stürmische Choräle, schmerz-lich verzweiflnngsvoll, jedoch mitunter auch triumphierend, Uber mirein luftiger Zug von weißen Wolkenbildern, die wie Mönche aus-sahen, alle gebeugten Hauptes und kummervollen Blickes dahinziehend,eine traurige Prozession , , , Es sah fast ans, als ob sie einer Leichefolgten , , , Wer wird begraben? Wer ist gestorben? sprach ich zumir selber, Ist der große Pan tot?

Helgoland, den 6. August.

Während sein Heer mit den Langobarden kämpfte, saß der Königder Hernler ruhig in seinem Zelte und spielte Schach, Er bedrohtemit dem Tode denjenigen, der ihm eine Niederlage melden würde.Der Späher, der, ans einem Baume sitzend, dem Kampfe zuschaute,rief immer: „Wir siegen! wir siegen!" — bis er endlich laut auf-seufzte: „Unglücklicher König! Unglückliches Volk der Hernler!" Damerkte der König, daß die Schlacht verloren, aber zu spät! Denn dieLangobarden drangen zu gleicher Zeit in sein Zelt und erstachen ihn ,,,

Eben diese Geschichte las ich in Paul Wcirnefricd, als das dickeZeitungspakct mit den warmen, glühend heißen Neuigkeiten vomfesten Lande ankam. Es waren Sonnenstrahlen, eingewickelt inDruckpapier, und sie entflammten meine Seele bis zum wildestenBrand, Mir war, als könnte ich den ganzen Ozean bis zum NordPol anzünden mit den Glutcn der Begeisterung und der tollen Freude,die in mir loderten. Jetzt weiß ich auch, warum die ganze See nachKuchen roch. Der Seine-Fluß hatte die gute Nachricht unmittelbarins Meer verbreitet, und in ihren Krystallpalästcn haben die schönenWasserfrauen, die von jeher allem Heldentum hold, gleich einenThee dansant gegeben, zur Feier der großen Begebenheiten, und des-halb roch das ganze Meer nach Kuchen, Ich lief wie mahnsinnig imHause herum, und küßte zuerst die dicke Wirtin, und dann ihrenfreundlichen Seewolf, auch umarmte ich den Preußischen Justiz-kvmmissarins, um dessen Lippen freilich das frostige Lächeln des Unglaubens nicht ganz verschwand. Sogar den Holländer drückte ichan mein Herz , , , Aber dieses indifferente Fettgesicht blieb kühl undruhig, und ich glaube, wär' ihm die Juliussvnue in Person um denHals gefallen, Mynheer würde nur in einen gelinden Schweiß, aberkeineswegs in Flammen geraten sein. Diese Nüchternheit inmitteneiner allgemeinen Begeisterung ist empörend. Wie die Spartanerihre Kinder vor der Trunkenheit bewahrten, indem sie ihnen alswarnendes Beispiel einen berauschten Heloten zeigten, so sollten