Heinrich Heine über Ludwig Börne, 1S5
Zu diesem BeHufe beschäftigte ich mich jüngst mit Nachforschung überdie letzten Spuren des Heidentums in der getauften modernenZeit, Es ist höchst merkwürdig, wie lange und unter welchen Ver-mnmmuugen sich die schönen Wesen der griechischen Fabelwelt inEuropa erhalten haben, — Und im Grunde erhielten sie sich ja beiuns bis auf heutigen Tag, bei uns, den Dichtern, Letztere habenseit dem Sieg der christlichen Kirche immer eine stille Gemeinde ge-bildet, wo die Freude des alten Bilderdienstes, der jauchzende Gvtter-glanbe sich fortpflanzte von Geschlecht auf Geschlecht, durch die Tra-dition der heiligen Gesäuge , , , Aber, ach! die sovlssiu xrsssn, dieden Homcros als ihren Propheten verehrt, wird täglich mehr undmehr bedrängt, der Eifer der schwarzen Familiären wird immer bedenk-licher angefacht. Sind wir bedroht mit einer neuen Göttcrverfolgnng?
Furcht und Hoffnung wechseln ab in meinem Geiste, und mirwird sehr ungewiß zu Mute,
— — Ich habe mich mit dem Meere wieder ausgesöhnt fduweißt, wir waren sn cksliontssss), und wir sitzen wieder des Abendsbeisammen und halten geheime Zwiegespräche, Ja, ich will die Po-litik und die Philosophie an den Nagel hängen und mich wieder derNatnrbctrachtnng und der Kunst hingeben, Ist doch all dieses Quälenund Abmühen nutzlos, und obgleich ich mich marterte für das all-gemeine Heil, so wird doch dieses wenig dadurch gefördert. Die Weltbleibt nicht im starren Stillstand, aber im erfolglosesten Kreislauf,Einst, als ich noch jung und unerfahren, glaubte ich, daß, wennauch im Befreiungskämpfe der Menschheit der einzelne Kämpfer zuGrunde geht, dennoch die große Sache am Ende siege . . . Und icherquickte mich an jenen schönen Versen Byrons:
„Die Wellen kommen eine nach der andern herangcschwvmmen,und eine nach der andern zerbrechen sie und zerstieben sie auf dem
Strande, aber das Meer selber schreitet vorwärts "
Ach! wenn man dieser Naturerscheinung länger zuschaut, so be-merkt man, daß das vorwärtsgeschrittene Meer nach einem gewissenZeitlauf sich wieder in sein voriges Bett zurückzieht, später aufs neuedaraus hervortritt, mit derselben Heftigkeit das verlassene Terrainwieder zu gewinnen sucht, endlich kleinmütig wie vorher die Fluchtergreift, und, dieses Spiel beständig wiederholend, dennoch niemalsweiterkommt , . , Auch die Menschheit bewegt sich nach den Gesetzenvon Ebbe und Flut, und vielleicht auch auf die Gcisterwelt übt derBlond seine sidcrischen Einflüsse. — —
Es ist heute junges Licht, und trotz aller wehmütigen Zweifel-sncht, womit sich meine Seele hin und her quält, bcschlcichen michwunderliche Ahnungen , , , Es geschieht jetzt etwas Außerordentlichesin der Welt , , , Die See riecht nach Kuchen, und die Wolkenmönchesahen vorige Nacht so traurig ans, so betrübt . , .