154 Novellistische Fragmente.
mal, wenn er über Religion mit mir sprechen kann. Wir disputiertengestern über die Dreieinigkeit. Mit dem Vater ging es noch gut;das ist ja der Weltschöpfer, und jedes Ding muß seine Ursache haben.Es haperte schon bedeutend mit dem Glauben an den Sohn, den sichder kluge Mann gern verbitten möchte, aber jedoch am Ende mit fastironischer Gutmütigkeit annahm. Jedoch die dritte Person der Drei-einigkeit, der heilige Geist, fand den unbedingtesten Widerspruch. Wasder heilige Geist ist, konnte er durchaus nicht begreifen, und plötzlichanflachend rief er: „Mit dem heiligen Geist hat es wohl am Endedieselbe Bewandtnis, wie mit dem dritten Pferde, wenn man Extra-post reist; man muß immer dafür bezahlen und bekömmt es doch niezu sehen, dieses dritte Pferd."
Mein Nachbar, der unter mir wohnt, ist weder Pietist nochRationalist, sondern ein Holländer, indolent und ausgebnttert wieder Käse, womit er handelt. Nichts kann ihn in Bewegung setzen,er ist das Bild der nüchternsten Ruhe, und sogar wenn er sich mitmeiner Wirtin über sein Lieblingsthema, das Einsalzen der Fische,unterhält, erhebt sich seine Stimme nicht aus der plattesten Mono-tonie. Leider, wegen des dünneil Bretterbodens, muß ich manchmaldergleichen Gespräche anhören, und während ich hier oben mit demPreußen über die Dreieinigkeit sprach, erklärte unten der Holländer,wie man Kabeljau, Laberdan und Stockfisch voneinander unter-scheidet; es sei im Grunde ein und dasselbe, und man bezeichne da-mit nur drei verschiedene Einsalznngsgrade.
Mein Hauswirt ist ein prächtiger Seemann, berühmt auf derganzen Insel wegen seiner Unerschrockenheit in Sturm und Not,dabei gutmütig und sanft wie ein Kind. Er ist eben von einergroßen Fahrt zurückgekehrt, und mit lustigem Ernste erzählte er mirvon einem Phänomen, welches er gestern am 28. Juli ans der hohenSee wahrnahm. Es klingt drollig. Mein Hanswirt behauptetnämlich, die ganze See roch nach frischgebackenem Kuchen, und zwarsei ihm der warme, delikate Kuchcnduft so verführerisch in diese Nasegestiegen, daß ihm ordentlich weh ums Herz ward. Siehst du, dasist ein Seitcnstiick zu dem neckenden Luftbild, das dem lechzendenWanderer in der arabischen Sandwüste eine klare, erquickende Wasser-flüche vorspiegelt. Eine gebackene Fata Morgana.
Helgoland, den 1. August.
Du hast keinen Begriff davon, wie das dolos 5nr nionts
mir hier behagt. Ich habe kein einziges Buch, das sich mit denTagesinteressen beschäftigt, hierher mitgenommen. Meine ganzeBibliothek besteht aus Paul Warnsfrieds Geschichte der Langobarden,der Bibel, dem Homer und einigen Scharteken über Hexcuwesen.Über letzteres möchte ich gern ein interessantes Büchlein schreiben.