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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
153
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Heinrich Heine über Ludwig Börne. 153

die Darstellung ein Produkt der Kunst, und wenn auch der Stoffimmer, ebenso wie in der Bibel, aus der Realität aufgegriffen ist,so gestaltet er sich doch zu einem poetischen Gebilde, gleichsam um-geschmolzen im Tiegel des menschlichen Geistes; er wird geläutertdurch einen geistigen Prozeß, welchen wir die Kunst nennen. Inder Bibel erscheint auch keine Spur von Knust; das ist der Stileines Notizen bnches, worin der absolute Geist, gleichsam ohne alleindividuelle menschliche Beihilfe, die Tagesvorfälle eingezeichnet, un-gefähr mit derselben thatsächlichcn Treue, womit wir unsere Wasch-zettel schreiben. Über diesen Stil läßt sich gar kein Urteil aus-sprechen, man kann nur seine Wirkung ans unser Gemüt konstatieren,und nicht wenig mußten die griechischen Grammatiker in Verlegen-heit geraten, als sie manche frappante Schönheiten in der Bibel nachhergebrachten Knnstbegriffcn definieren sollten. Lvnginns spricht vonErhabenheit. Neuere Ästhetiker sprechen von Naivität. Ach! wie ge-sagt, hier fehlen alle Maßstäbe der Beurteilung ... die Bibel istdas Wort Gottes.

Nur bei einem einzigen Schriftsteller finde ich etwas, was anjenen unmittelbaren Stil der Bibel erinnert. Das ist Shakespeare.Auch bei ihm tritt das Wort manchmal in jener schauerlichen Nackt-heit hervor, die uns erschreckt und erschüttert; in den ShakespearcschenWerken sehen wir manchmal die leibhaftige Wahrheit ohne Knnst-gewand. Aber das geschieht nur in einzelnen Momenten; der Geniusder Kunst, vielleicht seine Ohnmacht fühlend, überließ hier der Natursein Amt ans einige Augenblicke und behauptet hernach um so eifer-süchtiger seine Herrschaft in der plastische» Gestaltung und der witzigenVerknüpfung des Dramas. Shakespeare ist zu gleicher Zeit Jude undGrieche, oder vielmehr beide Elemente, der Spiritualismus und dieKunst haben sich in ihm versöhnnngsvoll durchdrungen und zu einemhöheren Ganzen entfaltet.

Ist vielleicht solche harmonische Vermischung der beiden Elementedie Aufgabe der ganzen europäischen Civilisation? Wir sind nochsehr weit entfernt von einem solchen Resultate. Der Grieche Goethe,und mit ihm die ganze poetische Partei, hat in jüngster Zeit seineAntipathie gegen. Jerusalem fast leidenschaftlich ausgesprochen. DieGegenpartei, die keinen großen Namen an ihrer Spitze hat, sondernnur einige Schreihälse, wie z. B. der Jude Pnstknchcn, der JudeWolfgang Menzel, der Jude Hengstenberg, diese erheben ihr phari-säisches Zeter um so krächzender gegen Athen und den großen Heiden.

Mein Stnbennachbar, ein Jnstizrat aus Königsberg, der hierbadet, hält mich für einen Pietisten, da er immer, wenn er mirseinen Besuch abstattet, die Bibel in meinen Händen findet. Ermöchte mich deshalb gern ein bißchen prickeln, und ein kaustisch ost-prenßisches Lächeln beflimmert sein mageres Hagestolzes Gesicht jedes-