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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
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142 Novellistische Fragmente.

Schaletspeise vorsetzen werde; und in der That, ich erfreute mich dortjenes Gerichtes, daS vielleicht noch ägyptischen Ursprungs und altwie die Pyramiden ist. Ich wundere mich, daß Börne späterhin, alser scheinbar in humoristischer Laune, in der That aber aus plebe-jischer Absicht, durch mancherlei Erfindungen und Insinuationen, wiegegen Kroneuträger überhaupt, so auch gegen ein gekröntes Dichter-haupt den Pöbel verhetzte ... ich wundere mich, daß er in seinenSchriften nie erzählt hat, mit welchem Appetit, mit welchem Enthu-siasmus, mit welcher Andacht, mit welcher Überzeugung ich einstbeim Doktor St. . . . das altjüdische Schaletessen verzehrt habe!Dieses Gericht ist aber auch ganz vortrefflich, und es ist schmerzlichstzu bedauern, daß die christliche Kirche, die dem alten Judentum soviel Gutes entlehnte, nicht auch den Schalet adoptiert hat. Vielleichthat sie sich dieses für die Zukunft noch vorbehalten, und wenn esihr mal ganz schlecht geht, wenn ihre heiligsten Symbole, sogar daSKreuz, seine Kraft verloren, greift die christliche Kirche zum Schalet-essen, und die entwischten Volker werden sich wieder mit neuemAppetit in ihren Schoß hineindrängen. Die Juden wenigstenswerden sich alsdann auch mit Überzeugung dem Christentnme an-schließen . . . denn, wie ich klar einsehe, es ist nur der Schalet, dersie zusammenhält in ihrem alten Bunde. Börne versicherte mir so-gar, daß die Abtrünnigen, welche zum neuen Bunde übergegangen,nur den Schalet zu riechen brauchen, um ein gewisses Heimweh nachder Synagoge zu empfinden, daß der Schalet, sozusagen, der Kuhreigender Juden sei.

Auch nach Boruheim sind wir miteinander hinausgefahren amSabbnth, um dort Kaffee zu trinken und die Töchter Israels zu be-trachten ... Es waren schöne Mädchen und rochen nach Schalet,allerliebst. Börne zwinkerte mit den Augen. In diesem geheimnis-vollen Zwinkern, in diesem unsicher lüsternen Zwinkern, das sich vorder inneren Stimme fürchtet, lag die ganze Verschiedenheit unsererGefühlsweise. Börne nämlich war, wenn auch nicht in seinen Ge-danken, doch desto mehr in seinen Gefühlen, ein Sklave der nazn-renischen Abstinenz; und wie es allen Leuten seinesgleichen geht, diezwar die sinnliche Enthaltsamkeit als höchste Tilgend anerkennen,aber nicht vollständig ausüben können, so wagte er es nur im ver-borgenen, zitternd und errötend, wie ein genäschiger Knabe, vonEvas verbotenen Äpfeln zu kosten. Ich weiß nicht, ob bei diesenLeuten der Genuß intensiver ist, als bei uns, die wir dabei den Reizdes geheimen Unterschleifs, der moralischen Kontrebande, entbehren;behauptet man doch, daß Mohammed seinen Türken den Wein ver-boten habe, damit er ihnen desto süßer schmecke.

In großer Gesellschaft war Börne wortkarg und einsilbig, unddem Fluß der Rede überließ er sich nur im Zwiegespräch, wenn er