Heinrich Heine über Ludwig Börne. 141
ist, und das angeheuchelte Christentum mit dem alten Adam bisweilenrecht grell kontrastiert, so geben diese Leute dem Witze und dem Spottedie bedenklichsten Blößein Oder glauben Sie, daß durch die Taufe dieinnere Natur ganz verändert worden? Glauben Sie, daß mau Läusein Flöhe verwandeln kann, wenn man sie mit Wasser begießt?"
Ich glaube nicht.
„Ich glaub's auch nicht, und ein ebenso melancholischer wielächerlicher Anblick ist es für mich, wenn die alten Lause, die nochaus Ägypten stammen, ans der Zeit der pharaouischen Plage, sichPlötzlich einbilden, sie wären Flöhe, und christlich zu hüpfen beginnen.In Berlin habe ich auf der Straße alte Töchter Israels gesehen, dieam Halse lauge Kreuze trugen, Kreuze, die noch länger als ihreNasen, und bis au den Nabel reichten; in den Händen hielten sieein evangelisches Gesangbuch, und sie sprachen von der prächtigenPredigt, die sie eben in der DreifaltigkcitSkirche gehört. Die einesrng die andere, bei wem sie daS Abendmahl genommen und beiderochen dabei aus dem Halse. Widerwärtiger war mir noch der An-blick von schmutzigen Bartjnden, die ans ihren polnischen Kloakenkamen, von der Bekehrnngsgesellschaft in Berlin für den Himmelangeworben wurden, und in ihrem mundfaulen Dialekte das Christen-tum predigten und so entsetzlich dabei stanken. Es wäre jedenfallswünschenswert, wenn man dergleichen polnisches Läusevolk nicht mitgewöhnlichem Wasser, sondern mit Ean de Cologne taufen ließe."
Im Hanse des Gehängten, unterbrach ich diese Rede, muß mannicht von Stricken sprechen, lieber Doktor; sagen Sie mir vielmehr;wo sind jetzt die großen Ochsen, die, wie mein Bater mir einst er-zählte, ans dem jüdischen Kirchhofe hier zu Frankfurt herumliefenund in der Nacht so entsetzlich brüllten, daß die Ruhe der Nachbarndadurch gestört wurde?
„Ihr Herr Vater," rief Börne lachend, „hat Ihnen in der Thatkeine Unwahrheit gesagt. Es existierte frnherhin der Gebrauch, daßdie jüdischen Viehhändler die männliche Erstgeburt ihrer Kühe nachbiblischer Vorschrift dem lieben Gölte widmeten, und in dieser Ab-sicht aus allen Gegenden Deutschlands hierher nach Frankfurt brachten,Ivo man jenen Ochsen Gottes den jüdischen Kirchhof zum Grasenanwies, und wo sie bis an ihr seliges Ende sich herumtrieben undwirklich oft entsetzlich brüllten. Aber die alten Ochsen sind jetzt totund das heutige Rindvieh hat nicht mehr den rechten Glauben, undihre Erstgeburten bleiben ruhig daheim, wenn sie nicht gar zumChristentnme übergehen. Die alten Ochsen sind tot."
Ich kann nicht umhin, bei dieser Gelegenheit zu erwähnen, daßmich Börne während meines Aufenthaltes in Frankfurt einlud, beieinem seiner Freunde zu Mittag zu speisen, und zwar, weil derselbe,in getreuer Bcharrnis an jüdischen Gebräuchen, mir die berühmte