Heinrich Heine über Ludwig Börne. 143
glaubte, sich neben einem gleichgcsinntcn Menschen zu befinden. DaßBörne mich für einen solchen ansah, war ein Irrtum, der späterhinfür mich sehr viele Verdrießlichkeiten zur Folge hatte. Schon damalsin Frankfurt harmonierten wir nur im Gebiete der Politik, keines-wegs in den Gebieten der Philosophie oder der Kunst oder derNatur, — die ihm sämtlich verschlossen waren. Vielleicht entfallenmir späterhin in dieser Beziehung einige charakteristische Züge. Wirwaren überhaupt von entgegengesetztem Wesen, und diese Verschieden-heit wurzelte am Ende vielleicht nicht bloß in unserer moralischen,sondern auch physischen Natur.
Es giebt im Grunde nur zwei Menschensorten, die mageren unddie fetten, oder vielmehr Menschen, die immer dünner werden, undsolche, die ans schmächtigen Anfängen allmählich zur rundlichstenKorpulenz übergehen. Die erstercn sind eben die gefährliche Sorte,die Cäsar so sehr fürchtete — „ich wollte, er wäre fetter", sagte ervon Cassius. Brutus war von einer ganz andern Sorte, und ichbin überzeugt, wenn er nicht die Schlacht bei Philippi verloren undsich bei dieser Gelegenheit erstochen hätte, wäre er ebenso dick ge-worden, wie der Schreiber dieser Blätter — „Und Brutus war einbraver Mann."
Da ich hier an Shakespeare erinnert werde, so ergreife ich dieGelegenheit, mich für eine alte Lesart zu erklären, die den Hamlet„fett" nennt. — Bedauernswürdiger Prinz von Dänemark! die Naturhatte dich dazu bestimmt, in glücklichster Wohlbeleibtheit deine Tagezu verschleudern, und da fällt auf einmal die Welt aus ihren Angeln,und du solltest sie wieder einrahmen! Armer dicker Dänen-Prinz!
Die drei Tage, welche ich in Frankfurt in Bornes Gesellschaftzubrachte, verflossen in fast idyllischer Friedsamkeit. Er bch.rebte sichangelegentlichst, mir zu gefallen. Er ließ die Raketen seines Witzesso heiter als möglich aufleuchten, und wie bei chinesischen Feuer-werken am Ende der Feuerwerker selbst unter sprühendem Flammcn-gcprassel in die Luft steigt, so schlössen die humoristischen Reden deSMannes immer mit einem tollen Brillantfeuer, worin er sich selbstaufs keckste preisgab. Er war harmlos wie ein Kind. Bis zumletzten Augenblick meines Aufenthaltes in Frankfurt lief er gemüt-lich neben mir einher, mir an den Augen ablauschend, ob er mirvielleicht noch irgend eine Liebe erweisen könne. Er wußte, daß ichans Veranlassung des alten Baron Cotta nach München reiste, umdort die Redaktion der politischen Annaien zu übernehmen und aucheinigen projektierten litterarischen Instituten meine Thätigkeit zuwidmen. Es galt damals, sür die liberale Presse jene Organe zuschassen, die späterhin so heilsamen Einfluß üben könnten; es galtdie Zukunft zu säen, eine Aussaat, für welche in der Gegenwart nur