Druckschrift 
11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
140
Einzelbild herunterladen
 

140 Novellistische Fragmente.

krantjnnkerliche Unthätigkeit in der Provinz vermodern ließ.Robespierre schlug diesem unterwürfigen und faulen Adel endlichdas Haupt ab. Aber der Boden blieb, und der neue Herr desselben,der neue Gutsbesiber, ward ganz wieder ein Aristokrat, wie seineVorgänger, deren Prätensionen er unter anderem Namen fortsetzte.Da kam Rothschild und zerstörte die Oberherrschaft des Bodens, in-dem er das Staatspapicrcnsystcm zur höchsten Macht emporhob, da-durch die großen Besitztümer und Einkünfte mobilisierte, und gleich-sam das Geld mit den ehemaligen Vorrechten des Bodens belehnte.Er stiftete freilich dadurch eine neue Aristokratie, aber diese, beruhendauf dem unzuverlässigsten Elemente, auf dem Gelds, kann nimmermehr so nachhaltig miszwirken, wie die ehemalige Aristokratie, die imBoden, in der Erde selber, wurzelte. Geld ist flüssiger als Wasser,windiger als Luft, und dem jetzigen Geldadel verzeiht man gernseine Impertinenzen, wenn man seine Vergänglichkeit bedenkt . .'. erzerrinnt und verdunstet, ehe man sich dessen versieht.

Indem ich oben die Namen Richelieu, Robespierre und Roth-schild zusammenstellte, drängte sich mir die Bemerkung auf, daß diesedrei größten Terroristen noch mancherlei andere Ähnlichkeiten bieten.Sie haben z. B. miteinander gemein eine gewisse unnatürliche Liebezur Poesie; Richelieu schrieb schlechte Tragödien, Robespierre machteerbärmliche Madrigale, und James Rothschild, wenn er lustig wird,fängt er an zu reimen . . .

Doch das gehört nicht hierher, diese Blätter haben sich zunächstmit einem kleineren Revolutionär, mit Ludwig Börne, zu beschäftigen.Dieser hegte, wie wir mit Bedauern bemerken, den höchsten Haßgegen die Nothschilde, und in seinem Gespräche, als nur zu Franksnrt dem Stammhause derselben vorübergingen, äußerte sich jenerHaß bereits ebenso grell und giftig, wie in seinen späteren PariserBriefen. Nichtsdestoweniger ließ er doch den persönlichen Eigen-schaften dieser Leute manche Gerechtigkeit widerfahren, und er gestandmir ganz naiv, daß er sie nur hassen könne, daß es ihm aber trotzaller Mühe nicht möglich sei, sie verächtlich oder gar lächerlich zu findeil.

Denn sehen Sie," sprach er,die Nothschilde haben so vielGeld, eine solche Unmasse von Geld, daß sie uns einen fast grauen-haften Respekt einflößen; sie identifizierten sich, sozusagen, mit demBegriff des Geldes überhaupt, und Geld kann man nicht verachten.Auch haben diese Leute das sicherste Mittel angewendet, um jenemNidikül zu entgehen, dem so manche andere baronisiertc Millivnttren-familien des Alten Testaments verfallen sind: sie entHallen sich deschristlichen Weihwassers. Die Taufe ist jetzt bei den reichen Judenan der Tagesordnung, und das Evangelium, das den Armen Judäasvergebens gepredigt worden, ist jetzt in üoridus bei den Reichen.Aber da die Annahme desselben nur Selbstbetrug, Ivo nicht gar Lüge