138 Novellistische Fragmente.
„Der alte Rothschild/' fuhr Börne fort, „der Stammvater derregierenden Dynastie, war ein braver Mann, die Frömmigkeit undGutherzigkeit selbst. Es war ein mildthätiges Gesicht mit einemspitzigen Bärtchen, auf dem Kopf ein dreieckig gehörnter Hut, unddie Kleidung mehr als bescheiden, fast ärmlich. So ging er inFrankfurt herum, und beständig umgab ihn, wie ein Hofstaat, einHaufe armer Leute, denen er Almosen erteilte oder mit gutem Ratzusprach; wenn mau auf der Straße eine Reihe von Bettlern antrafmit getrösteten und vergnügten Mienen, so wußte man, daß hiereben der alte Rothschild seinen Durchzug gehalten. Als ich noch einkleines Bübchen war, und eines Freitags abends mit meinem Vaterdurch die Judengasse ging, begegneten wir dein alten Rothschild,welcher eben ans der Synagoge kam; ich erinnere mich, daß er,nachdem er mit meinem Vater gesprochen, auch mir einige liebreicheWorte sagte, und daß er endlich die Hand auf meinen Kopf legte, ummich zu segnen. Ich bin fest überzeugt, diesem Rothschildschen Segenverdanke ich es, daß späterhin, obgleich ich ein deutscher Schriftstellerwurde, doch niemals das bare Geld in meiner wasche ganz ausging."
Ich kann nicht umhin, hier die Zwischenbemerkung einzuschalten,daß Börne immer im behaglichen Wohlstande lebte, und sein spätererIlltraliberalismns keineswegs, wie bei vielen Patrioten, dem ver-bissenen Ingrimm der eigenen Armut beizumessen war. Obgleich erselber reich war, ich sage reich nach dem Maßstabe seiner Bedürfnisse,so hegte er doch einen unergründlichen Groll gegen die Reichen. Ob-gleich der Segen des Vaters auf seinem Haupte ruhte, so haßte erdoch die Söhne, Meyer Amschcl Rothschilds Söhne.
Wie weit die persönlichen Eigenschaften dieser Männer zu jenemHasse berechtigen, will ich hier nicht untersuchen; es wird an einemandern Orte ausführlich geschehen. Hier möchte ich nur der Be-merkung Raum geben, daß unsere deutschen Freiheitsprediger ebensoungerecht wie thöricht handeln, wenn sie daS Haus Rothschild wegenseiner politischen Bedeutung, wegen seiner Einwirkung auf die Inter-essen der Revolution, kurz wegen seines öffentlichen Charakters,mit so viel Grimm und Blutgier anfeinden. Es giebt keine stärkereBeförderer der Revolution als eben die Rothschilde . . . und, wasnoch befremdlicher klingen mag, diese Rothschilde, die Bankiers derKönige, diese fürstlichen Säckelmeister, deren Existenz durch einentlmstnrz des europäischen Staatssystems in die ernsthaftesten Ge-fahren geraten dürfte, sie tragen dennoch im Gemütc das Bewußt-sein ihrer revolutionären Sendung. Namentlich ist dieses der Fallbei dem Manne, der unter dem scheinloscn Namen Baron Jamesbekannt ist, und in welchem sich jetzt, nach dem Tode seines erlauchtenBruders von England, die ganze politische Bedeutung des HausesRothschild resümiert. Dieser Nerv der Finanz, der sich in der