Heinrich Heine über Ludwig Börne. 137
Bulle, Als Kucibc machte ich mir die wunderlichste Vorstellung davon,und ich hielt sie für eine Kuh mit goldenen Hörnern; später bildeteich mir ein, es sei ein Kalb, und erst als ich ein großer Junge ward,erfuhr ich die Wahrheit, daß sie nämlich nur eine alte Haut sei, einnichtsnutzig Stück Pergament, worauf geschrieben steht, wie Kaiserund Reich sich einander wechselseitig verkauften. Nein, laßt uns diesenmiserabelen Kontrakt, wodurch Deutschland zu Grunde ging, nicht be-trachten; ich will sterben, ohne die goldene Bulle gesehen zu haben,"Ich übergehe hier ebenfalls die bitteren Nachbemerkungen, Esgab ein Thema, das man nur zu berühren brauchte, um die wildestenund schmerzlichsten Gedanken, die in Börnes Seele lauerten, hervor-zurufen; dieses Thema war Deutschland und der politische Zustanddes deutschen Volkes, Börne war Patriot vom Wirbel bis zur Zehe,und das Vaterland war seine ganze Liebe,
Als wir denselben Abend wieder durch die Jndengasse gingen unddaS Gespräch über die Insassen derselben wieder anknüpften, sprudeltedie Quelle des Börneschen Geistes um so heilerer, da auch jene Straße,die am Tage einen düsteren Anblick gewahrte, jetzt aufs fröhlichsteilluminiert war, und die Kinder Israel an jenem Abend, wie mirmein Cicerone erklärte, ihr lustiges Lampenfest feierten. Diesesist einst gestiftet worden zum ewigen Andenken an den Sieg, den dieMakkabttcr über den König von Syrien so heldenmütig erfochten haben,„Sehen Sie," sagte Börne, „das ist der 18, Oktober der Juden,nur daß dieser makkabäische 18, Oktober mehr als zwei Jahrtausendealt ist und noch immer gefeiert wird, statt daß der Leipziger 18, Oktobernoch nicht das fünfzehnte Jahr erreicht hat und bereits in Vergessen-heit ..geraten, Die Deutschen sollten bei der alten Madame Rothschildin die Schule gehen, um Patriotismus zu lernen. Sehen Sic, hierin diesem kleinen Hanse wohnt die alte Frau, die Lätitin, die so vieleFinanz-Bonapartcn geboren hat, die große Mutter aller Anleihen,die aber trotz der Weltherrschaft ihrer königlichen Söhne noch immerihr kleines Stammschlößchcn in der Jndengasse nicht verlassen will,und heute wegen des großen Freudenfestes ihre Fenster mit weißenVorhängen geziert hat. Wie vergnügt funkeln die Lämpchen, die siemit eigenen Händen anzündete, um jenen Siegestag zu feiern, IvoJudas Makkabäus und seine Brüder ebenso tapfer und heldenmütigdas Vaterland befreiten, wie in unseren Tagen Friedrich Wilhelm,Alexander und Franz II, Wenn die gute Frau die Lämpchen be-trachtet, treten ihr die Thrttnen in die alten Augen, und sie erinnertsich mit wehmütiger Wonne jener jüngeren Zeit, wo der selige MeyerAmschcl Rothschild, ihr teurer Gatte, das Lampenfest mit ihr feierte,und ihre Söhne noch kleine Bübchen waren und kleine Lichtchcn ansden Boden pflanzten, und in kindischer Lust darüber hin und hersprangen, wie es Brauch und Sitte ist in Israel!"