Druckschrift 
11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
136
Einzelbild herunterladen
 

ktz6 Novellistische Fragmente.

Eine Strecke weiter, am Ausgange der Saalgasse, erfreuten wiruns einer viel angenehmeren Begegnung. Wir sahen nämlich einenRudel Knaben, welche ans der Schule kamen, hübsche Jungen mitrosigen Gesichtchen, einen Pack Bücher unterm Arm.

Weit mehr Respekt," rief Börne, weit mehr Respekthabe ich für diese Buben, als für ihre erwachsenen Väter. JenerKleine mit der hohen Stirn denkt vielleicht jetzt an den zweitenpunischen Krieg, und er ist begeistert für Hannibal, als man ihmheute erzählte, wie der große Karthager schon als Knabe den RömernRache schwur ich Ivette, da hat sein kleines Herz mitgeschworen .,.Haß und lintergang dem bösen Rom! Halte deinen Eid, mein kleinerWaffenbruder! Ich möchte ihn küssen, den vortrefflichen Jungen!Der andere Kleine, der so pfiffig hübsch aussieht, denkt vielleicht anden Mithridates und möchte ihm einst nachahmen . . . Das ist auchgut, ganz gut, und du bist mir willkommen. Aber, Bursche, wirstdu auch Gift schlucken können, wie der alte König des Pvntus? ll.bedich frühzeitig! Wer mit Rom Krieg führen will, muß alle möglichenGifte vertragen können, nicht bloß plumpen Arsenik, sondern aucheinschläferndes phantastisches Opium, und gar das schleichende Aqua-toffana der Verleumdung! Wie gefällt Ihnen der Knabe, der solange Beine hat und ein so unzufrieden aufgestülptes Näschen? Denstickt es vielleicht, ein Catilina zu werden, er hat auch lange Finger,und er wird einmal den Ciceros unserer Republik, den gepudertenVätern des Vaterlandes, eine Gelegenheit geben, sich mit langen,schlechten Reden zu blamieren. Der dort, der arme kränkliche Bub',mochte gewiß weit lieber die Rolle des Brutus spielen . . . ArmerJunge, du wirst keinen Cäsar finden, und mußt dich begnügen, einigealte Perücken mit Worten zu erstechen, und wirst dich endlich nichtin dein Schwert, sondern in die Schellingschc Philosophie stürzen undverrückt werden! Ich habe Respekt für diese Kleinen, die sich denganzen Tag für die hochherzigsten Geschichten der Menschheit inter-essieren, während ihre Väter nur für das Steigen oder Fallen derStaatSpapiere Interesse fühlen und an Kaffeebohnen und Cochenilleund Manufakturwaren denken! Ich hätte nicht übel Lust, dem kleinenBrutus dort eine Düte mit Zuckcrkringcln zu kaufen . . . Nein, ichwill ihm lieber Branntwein zu trinken geben, damit er klein bleibe ...Nur solange wir klein sind, sind wir ganz uneigennützig, ganzheldenmütig, ganz heroisch . . . Mit dem wachsenden Leib'schrumpftdie Seele immer mehr ein ... Ich fühle es an mir selber . . . Ach,ich bin ein großer Mann gewesen, als ich noch ein kleiner Junge war!"

Als wir über den Nomerberg kamen, wollte Börne mich in diealte Kaiserburg hinaufführen, um dort die goldene Bulle zu betrachten.

Ich habe sie noch nie gesehen," seufzte er,und seit meinerKindheit hegte ich immer eine geheime Sehnsucht nach dieser goldenen