Heinrich Heine über Ludwig Börne. 138
einem Professor der Philosophie, der sich Na^is amicm nennt. Erwird einst Gras essen, ein Ochs ist er schon von Natur, vielleichtgar wird er mal gehenkt, wenn er die Sultanin Favorite des Königsvon Flachsensingen beleidigt, und Läuse hat er gewiß auch schon, wieder Antiochus. Am liebsten war' mir's, er ginge zur See und machteSchiffbruch an der nordafrikanischen Küste. Ich habe nämlich jüngstgelesen, daß die Mohammedaner, die dort wohnen, sich durch ihreReligion berechtigt glauben, alle Christen, die bei ihnen Schiffbruchleiden und in ihre Hände fallen, als Sklaven zu behandeln. Sieverteilen unter sich diese Unglücklichen und benutzen jeden derselbennach seinen Fähigkeiten. So hat nun jüngst ein Engländer, derjene Küste bereiste, dort einen deutschen Gelehrten gefunden, derSchiffbruch gelitten und Sklave geworden, aber zu gar nichts anderemzu gebrauchen war, als daß man ihm Eier zum Ausbrüten unter-legte; er gehörte nämlich zur theologischen Fakultät. Ich wünschenun, der Doktor arnlou käme in eine solche Lage; wenn er
auf seinen Eiern drei Wochen unausstehlich sitzen müßte (sind esEnteneier, sogar vier Wochen), so kämen ihm gewiß allerlei Gedankenin den Sinn, die ihm bisher nie eingefallen, und ich Ivette, er ver-wünscht den Glaubensfanatismus, der in Europa die Inden und inAfrika die Christen herabwürdigt, und sogar einen Doktor der Theo-logie bis zur Bruthenne entmenscht . . . Die Hühner, die er aus-gcl'rütet, werden sehr tolerant schmecken, besonders wenn man sie miteiner Sauce a 1a Narsn^o verzehrt."
Aus leicht begreiflichen Gründen übergehe ich die Bemerkungen,die mein Begleiter in bitterster Fülle losließ, als wir auf unsererWanderung im Weichbilde Frankfurts dem Hause vorübergingen, woder Bundestag seine Sitzungen hält. Die Schildwache hielt ihrMittagsschläfchen in aufrechter Stellung, und die Schmalben, die anden Fliesen der Fenster ihre friedlichen Nester gebaut, flogen seelen-ruhig auf und nieder. Schwalben bedeuten Glück, behauptete meineGroßmutter; sie war sehr abergläubisch.
Von der Ecke der Schnurgasse bis zur Börse mußten wir unsdurchdrängen; hier fließt die goldene Ader der Stadt, hier versammeltsich der edle Handelsstand und schachert und mauschelt . . . Was wirnämlich in Norddeutschland Mauscheln nennen, ist nichts anderes alsdie eigentliche Frankfurter Landessprache, und sie wird von der un-beschnitteuen Population ebenso vortrefflich gesprochen, wie von derbeschnittenen. Börne sprach diesen Jargon sehr schlecht, obgleich er,ebenso wie Goethe, den heimatlichen Dialekt nie ganz verleugnenkonnte. Ich habe bemerkt, daß Frankfurter, die sich von allenHandelsinteressen entfernt hielten, am Ende jene Frankfurter Aus-sprache, die wir, wie gesagt, in Norddeutschland Mauscheln nennen,ganz verlernten.