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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
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134 Novellistische Fragmente.

drucken lassen; aber wo die toten Menschen schweigen, da sprechendesto lauter die lebendigen Steine/'

In der That, die Häuser jener Straße sahen mich an, alswollten sie mir betrübsame Geschichten erzählen, Geschichten, die manwohl weiß, aber nicht wissen will oder lieber vergäße, als daß mansie ins Gedächtnis zurückriefe. So erinnere ich mich noch eines giebel-hohen Hauses, dessen Kohlenschwärze um so greller hervorstach, daunter den Fenstern eine Reihe kreideweißer Talglichter hingen; derEingang, zur Hälfte mit rostigen Eisenstangcn vergittert, führte ineine dunkle Höhle, wo die Feuchtigkeit von den Wänden herabzurieselnschien, und aus dem Innern tönte ein höchst sonderbarer, näselnderGesang. Die gebrochene Stimme schien die eines alten Mannes, unddie Melodie wiegte sich in den sanftesten Klagelauten, die allmählichbis zum entsetzlichsten Zorne anschwollen. Was ist das für ein Lied?frug ich meinen Begleiter.Es ist ein gutes Lied," antwortete diesermit einem mürrischen Lachen,ein lyrisches Meisterstück, das im dies-jährigen Musenalmanach schwerlich seinesgleichen findet . . . Siekennen es vielleicht in der deutschen Übersetzung: Wir saßen an denFlüssen Babels, unsere Harfen hingen an den Trauerweiden u. s. w.Ein Prachtgedicht! und der alte Rabbi Chayim singt es sehr gut mitseiner zittrigen, abgemergelten Stimme; die Sonntag säuge es viel-leicht mit größerem Wohllaut, aber nicht mit so viel Ausdruck, mitso viel Gefühl . . . Denn der alte Mann haßt noch immer die Ba-bylonier und weint noch täglich über den Untergang Jerusalemsdurch Ncbukadnezar . . . Dieses Unglück kann er gar nicht vergessen,obgleich so viel Neues seitdem passiert ist, und noch jüngst der zweiteTempel durch Titus, den Böselvicht, zerstört worden. Ich muß Ihnennämlich bemerken, der alte Rabbi Chayim betrachtet den Titus keines-wegs als ein ckslioium Asnsris bninani, er hält ihn für einen Böse-wicht, den auch die Rache Gottes erreicht hat ... Es ist ihm nämlicheine kleine Mücke in die Nase geflogen, die, allmählich wachsend, mitihren Klanen in seinem Gehirn herumwühlte und ihm so grenzen-lose Schmerzen verursachte, daß er nur dann einige Erholung empfand,wenn in seiner Nähe einige hundert Schmiede auf ihre Amboße lvs-hämmerten. Das ist sehr merkwürdig, daß alle Feinde der KinderIsrael ein so schlechtes Ende nehmen. Wie es dem Nebukadnezargegangen ist, wissen Sie, er ist in seinen alten Tagen ein Ochs ge-worden und hat Gras essen müssen. Sehen Sie den persischenStaatsmiuister Haman, ward er nicht am Ende gehenkt zu Susa, inder Hauptstadt? Und Antiochus, der König von Syrien, ist er nichtbei lebendigem Leibe verfault durch die Läusesucht? Die späterenBösewichter, die Judenfeinde, sollten sich in acht nehmen . . . Aberwas hilft's, es schreckt sie nicht ab, das furchtbare Beispiel, und dieserTage habe ich wieder eine Broschüre gegen die Jude:: gelesen, von