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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
133
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Heinrich Heine iiber Ludwig Börne. 133

die Vernunft immer zur Partei dcS Stärkeren, zur Partei der Leidenschaft, und verläßt sie wieder, svbald die Force derselben durch dieGewalt der Zeit oder durch das Gesetz der Reaktion gebrochen wird.Wie verhöhnt sie alsdann die Gefühle, die sie kurz vorher so eifrigrechtfertigte! Mißtranen Sie, lieber Freund, in der Leidenschaftimmer der Sprache der Vernunft, und ist die Leidenschaft erloschen,so mißtrauen Sie ihr ebenfalls, und seien Sie nicht ungerecht gegenIhr Herz!" , , .

Börne wollte mich die Merkwürdigkeiten Frankfurts sehen lassen,und vergnügt, im gemütlichsten Hundctrab, lief er mir zur Seite,als wir durch die Straßen wanderten. Ein wunderliches Ansehengab ihm sein kurzes Mäntclchen und sein weißes Hütchen, welcheszur Hälfte mit einem schwarzen Flor umwickelt war. Der schwarzeFlor bedeutete den Tod seines Vaters, welcher ihn bei Lebzeiten sehrknapp gehalten, ihm jetzt aber auf einmal viel Geld hinterließ,Börne schien damals die angenehmen Empfindungen solcher Glllcks-verändcrungcn noch in sich zu tragen und überhaupt im Zenith deSWohlbehagens zu stehen. Er klagte sogar über seine Gesundheit, d, h,er klagte, er werde täglich gesunder und mit der zunehmenden Ge-sundheit schwänden seine geistigen Fähigkeiten,Ich bin zu gesundund kann nichts mehr schreiben," klagte er im Scherz, vielleicht auchim Ernst, denn bei solchen Naturen ist das Talent abhängig vongewissen krankhaften Zuständen, von einer gewissen Reizbarkeit, dieihre Empfindnngs- und Ausdrucksweise steigert, und die mit dereintretenden Gesundheit wieder verschwindet,Er hat mich bis zurDummheit kuriert," sagte Börne von seinem Arzte, zu welchem ermich führte, und in dessen Hau? ich auch mit ihm speiste.

Die Gegenstände, womit Börne in zufällige Berührung kam,gaben seinem Geiste nicht bloß die nächste Beschäftigung, sondernwirkten auch unmittelbar auf die Stimmung seines Geistes, und mitihrem Wechsel stand seine gute oder böse Laune in unmittelbarerVerbindung, Wie das Meer von den vorüberziehenden Wolken, soempfing Börnes Seele die jedesmalige Färbung von den Gegenständen, denen er ans seinem Weg begegnete. Der Anblick schönerGartenanlagen oder einer Gruppe schäkernder Mägde, die uns entgegenlachte, warfen gleichsam Rosenlichter über Börnes Seele, undder Wiederschein derselben gab sich kund in sprühenden Witzen, Alswir aber durch das Jndenqnarticr gingen, schienen die schwarzenHäuser ihre finsteren Schatten in sein Gemüt zu gießen,

Betrachten Sie diese Gasse," sprach er seufzend,und rühmenSie mir alsdann das Mittelalter! Die Menschen sind tot, die hiergelebt und geweint haben, und können nicht widersprechen, wennunsere verrückten Poeten und noch verrückteren Historiker, wennNarren und Schälke von der alten Herrlichkeit ihre Entzückungen