130 Novellistische Fragmente.
war eine so süße Lockspeise! Ja, je mehr ich mein Porzellan be-trachte, desto wahrscheinlicher wird mir der Gedanke, daß es vonMetternich herrührt. Ich verdenke es ihm nicht im mindesten, daßman mir auf solche Weise beizukvmmen sucht. Wenn man klugeMittel gegen mich anwendet, werde ich nie unwirsch; nur die Plump-heit und die Dummheit ist mir unausstehlich. Da ist aber unserFrankfurter Senat — —"
Ich habe meine Gründe, den Mann nicht weiter sprechen zulassen, und bemerke nur, daß er am Ende seiner Rede mit gutmütigemLachen ausrief:
„Aber noch bin ich stark genug, meine Porzellanfesseln zu brechen,und machte man mir den Kopf warm, wahrhaftig, die schöne ver-goldete Thcekanne fliegt zum Fenster hinaus mitsamt der Zuckerdoseund dem ehelichen Glück und dem Katharinenturnt und der Kon-stablerwache und den vaterländischen Gegenden, und ich bin dannwieder ein freier Mann, nach wie vor!"
Börnes Humor, wovon ich eben ein sprechendes Beispiel gegeben,unterschied sich von dem Humor Jean Pauls dadurch, daß letzterergern die entferntesten Dinge ineinanderrükrte, während jener, wieein lustiges Kind, nur nach dem Naheliegenden griff, und währenddie Phantasie des konfusen Polyhistors von Baireuth in der Rumpel-kammer aller Zeiten herumkramte und mit Siebenmeilenstiefeln alleWeltgegenden durchschweifte, hatte Börne nur den gegenwärtigen Tagim Auge, und die Gegenstände die ihn beschäftigten, lagen alle inseinem räumlichen Gesichtskreis. Er besprach das Buch, das er ebengelesen, das Ereignis, das eben vorfiel, den Stein, an dem er sicheben gestoßen, Rothschild, an dessen Haus er täglich vorbeiging, denBundestag, der auf der Zeil residiert und den er ebenfalls an Ortund Stelle hassen konnte, endlich alle Gedankenwege führten ihn zuMetternich. Sein Groll gegen Goethe hatte vielleicht ebenfalls ört-liche Anfänge; ich sage Anfänge, nicht Ursachen; denn wenn auch derUnistand, daß Frankfurt ihre gemeinschaftliche Vaterstadt war, BörnesAufmerksamkeit zunächst auf Goethe lenkte, so war doch der Haß, dergegen diesen Mann in ihm brannte und immer leidenschaftlicher ent-loderte, nur die notwendige Folge einer tiefen, in der Natur beiderMänner begründeten Differenz. Hier wirkte keine kleinliche Scheel-sucht, sondern ein uneigennütziger Widerwille, der angeborncn Triebengehorcht, ein Hader, welcher, alt wie die Welt, sich in allen Geschichtendes Menschengeschlechts kundgicbt und am grellsten hervortrat in demZweikampfe, welchen der judäische Spiritualismus gegen hellenischeLebensherrlichkeit führte, ein Zweikampf, der noch immer nicht ent-schieden ist und vielleicht nie ausgekämpft wird, der kleine Nazarcnerhaßte den großen Griechen, der noch dazu ein griechischer Gott war.
Das Werk von Wolfgang Menzel war eben erschienen, und Börne