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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
129
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Heinrich Heine über Ludwig Börne. 129

Kobcntzel hat und im, Eifer des Gesprächs das Porzellan zerschlägt,das Kobcntzel einst von der Kaiserin Katharina erhalten und gewißsehr liebte. Dieses zerschlagene Porzellan hat vielleicht den Friedenvon Canipo Forinio herbeigeführt. Der Kobentzcl dachte gewiß:„Mein Kaiser hat so viel Porzellan, und das giebt ein Unglück,wenn der Kerl nach Wien käme und gar zu feurig in Eifer geriete —das beste ist, nur machen mit ihm Friede." Wahrscheinlich in jenerStunde, als zu Udinc das Porzcllanservice von Kobcntzel zu Bodenpurzelte und in lauter Scherben zerbrach, zitterte zu Wien allesPorzellan, und nicht bloß die Kaffeekannen und Tassen, sondern auchdie chinesischen Pagoden, sie nickten mit den Kopsen vielleicht hastigerals je, und der Friede wurde ratifiziert. In Bildcrlädcn sieht manden Napoleon gewöhnlich, wie er auf bäumendem Roß den Simplonbesteigt, wie er mit hochgeschwuugcner Fahne über die Brücke vonLodi stürmt u. s. w. Wenn ich aber ein Maler wäre, so würde ichihn darstellen, wie er daS Service von Kobcntzel zerschlägt. Daswar seine erfolgreichste That. Jeder König fürchtete seitdem für seinPorzellan, und gar besondere Angst überkam die Berliner wegenihrer großen Porzellanfabrik. Sie haben keinen Begriff davon,liebster Heine, wie man durch den Besitz von schönem Porzellan imZaum gehalten wird. Sehen Sie z.B. mich, der ich einst so wildwar, als ich wenig Gepäck hatte und gar kein Porzellan. Mit demBesitztum und gar mit gebrechlichem Besitztum kommt die Furchtund die Knechtschaft. Ich habe mir leider vor kurzem ein schönesThceservice angeschafft — die Kanne war so lockend prächtig ver-goldet — auf der Zuckerdose war das eheliche Glück abgemalt, zweiLiebende, die sich schnäbeln — auf der einen Tasse der Katharinen-turm; auf einer andern die Kvustablerwache, lauter vaterländischeGegenden auf den übrigen Tassen. — Ich habe wahrhaftig jetztmeine liebe Sorge, daß ich in meiner Dummheit nicht zu freischreibe und plötzlich flüchten müßte. — Wie könnte ich in der Ge-schwindigkeit all diese Tassen und gar die große Kanne einpacken?In der Eile konnten sie zerbrochen werden, und zurücklassen möchteich sie in keinem Falle. In, wir Menschen sind sonderbare Käuze!Derselbe Mensch, der vielleicht Ruhe und Freude seines Lebens, jadas Leben selbst aufs Spiel setzen würde, um seine Meinungsfreiheitzu behaupten, der will doch nicht gern ein paar Tassen verlieren,und wird ein schweigender Sklave, um seine Theckanne zu konservieren.Wahrhaftig, ich fühle, wie das verdammte Porzellan mich im Schreibenhemmt, ich werde so milde, so vorsichtig, so ängstlich . . . Am Endeglaub' ich gar, der Porzellanhändler war ein österreichischer Polizei-ngent und Metternich hat mir das Porzellan ans den Hals geladen,um mich zu zähmen. Ja, ja, deshalb war es so wohlfeil, und derMann so beredsam. Ach, die Zuckerdose mit dem ehelichen GlückHcinc 's Werke. XI. Vd. 9